Zeitzeugengespräch mit einem ehemaligen NVA-Offizier

Zeitzeuge: damals NVA-Offizier im Munitionsdepot Kamenz
Interviewer:
Elias Müssiggang,  Merlin Vogler / Semper Oberschule Dresden

Interview:

Wir befragten einen ehemaligen Bürger der DDR, was er von der Grenzöffnung hielt und was er mal werden wollte / geworden ist und ob ihn bei dieser Entscheidung die damalige Politik beeinflusst hätte.

Die befragte Person war zu dieser Zeit ranghöchster Offizier im Munitionslager in Kamenz und meinte, dass es zur Grenzöffnung so abgelaufen sei, wie auf der Bornholmer Straße. Alle waren verwirrt und keiner wusste, was zu tun ist, nicht einmal die ranghohen Generäle. Er meinte auch, dass es ein Ausdruck von Dummheit sei, was Schabowski da von sich gab. Der Ausverkauf der DDR ist vorangetrieben worden, es fehlte einfach an Geld. Die befragte Person meinte, dass er sich nicht von der Politik und jeglichem Glauben beeinflussen ließ, er aber er seinen eigentlichen Wunschberuf nicht ausüben konnte, weil er zu groß war. Deswegen sei er mit 23 Jahren zum Studium und dann zur NVA gegangen.

Wir fragten ihn noch, was er früher in seiner Freizeit/in seinen Ferien gemacht hat, wie die Ausbildung war und ob sie besser als in der heutigen Zeit war.

Der Interviewte hat bis zum 15. Lebensjahr Leistungssport gemacht, bis es zu einer schweren Verletzung kam. Bezüglich seiner Ausbildung meinte er, dass Seminargruppendenken besser war, weil man in Teams besser arbeiten konnte und dass das in unserer heutigen Gesellschaft nicht möglich sei.

Wir fragten auch, wie sich die DDR Politik auf die Schule auswirkte.

Der Befragte meinte, dass es legitim sei, wenn ein Staat (wie z.B. die DDR) seine Bürger ein wenig auf das System einzuschwören versucht, was auch heute noch in vielen UN-Staaten gemacht werden würde.

Interview:

Meine erste Frage wäre: Können sie etwas zu ihrem familiäreren Hintergrund sage, zum Beispiel wo sind sie aufgewachsen, wie war ihre Wohnsituation?
Ganz normal in einer Kleinstadt aufgewachsen. Bin dann zum Studium gegangen, relativ zeitig geheiratet, mit 22 habe ich geheiratet.

Waren sie DDR Bürger?
Ja, ich war DDR Bürger.

Als Grenzöffnung war, blieb ihre Familie in der DDR oder ging sie nach Westdeutschland?
Ja.

Wie war ihre Schulzeit und was waren ihre Lieblingsfächer?
Ja, ich habe mathematische und naturwissenschaftliche Fächer schon immer gemocht: Physik, Chemie, Mathematik, auch Geographie habe ich sehr gemocht und natürlich Sport, also vor allem Leichtathletik und Spiele und Kampfsport, solche Sachen.

Gab es Fächer in der DDR, die es heute nicht mehr gibt?
Gab es zum Beispiel Staatsbürgerkunde, was aber ein wichtiges Fach ist, wurde aber früher ein ganzes Stück anders gehandhabt, da wurde doch eher versucht die Leute auf das System einzuschwören. Heutzutage wird das teilweise auch noch versucht, aber ich glaube, dass in Gemeinschaftskunde auch die Kenntnisse über die Organisation des Staates und so weiter notwendig ist; das ist schon ein Fach was ich als notwendig empfinde.

Wie hat sich die DDR-Politik auf die Schule ausgewirkt?
Ja gut, aus meiner Sicht ist es legitim das jeder Staat versucht, die Bürger in seinem Staat doch so ein bisschen auf System einzuschwören. In sehr vielen Staaten der UN wird das ja nicht anders gemacht. Nehmen wir mal solche Staaten wie Saudi Arabien und so, dort wird knallhart ein Dogma vorgegeben und wer das nicht einhält, wird gesteinigt oder gehängt, etc.

Gab es in der DDR bessere Ausbildungen als in der heutigen Zeit oder bessere Ausbildungsmethoden?
Besser ist relativ, jedenfalls aus meiner Sicht. Das Seminargruppen-Denken war da, damit konnten kleinere Teams besser arbeiten. Heute existiert so etwas nicht mehr. Das heutige egoistische Studiendenken ist etwas, was nicht gut tut. Etwas ist verloren gegangen. Es sind Studenten in einem Kurs, die sich noch nie gesehen haben. Das ist nicht gut für die Entwicklung sozialer Kompetenzen, Teamfähigkeit etc.

Was haben sie in ihrer Freizeit und in den Ferien gemacht?
Ich habe Leistungssport gemacht. Damit war meine Freizeit streng begrenzt aber das änderte sich mit 15 Jahren, da ich eine schwerwiegende Verletzung hatte, eine Unterschenkel-Fraktur. Ich konnte ein Vierteljahr nicht zur Schule gehen, das war in der neunten Klasse, also nicht ganz so einfach. Ich habe es jedoch trotzdem geschafft, ich musste die Klassen nicht wiederholen. War in der 10. Klasse wieder komplett fit. Konnte alles tadellos machen. Ich habe mein Abitur mit 1, 7 bestanden. Ohne für die Schule was zu machen, effektiv gelernt.

Waren sie bei der FDJ?
Ja, natürlich.

Welchen Stellenwert hatte die FDJ?
Ja, jetzt gehen sie in irgendwelche „Fahnenjunkervereine“ oder in „Burschenvereine“. Das hat ganz einfach zur sozialen Entwicklung beigetragen. Kommt darauf an, wie viel von diesen dogmatischen Belegungen man in sich reingelassen hat.

Was haben sie für einen Beruf ausgeübt?
Ich habe gleich mein Studium gemacht, also bin ich insgesamt 23 Jahre zur Schule gegangen.

Kamen sie mit der NVA in den Kontakt?
Ich war Berufsoffizier, in den letzten 5 Jahren in Kamenz im Lehramt Hochschuldienst.

Mochten sie ihren Beruf?
Ja.

Wurden sie von der Politik gedrängt?
Ich wollte eigentlich Pilot werden, ich war aber einfach in der Sitzhöhe zu groß, damit nicht tauglich. Ich bin Sitzriese. Man durfte nur 97cm im Sitz groß sein, ich war jedoch104 cm groß.

OK, jetzt gehen wir nochmal auf die Jugend ein, wie war denn ihre Jugend?
Wir sind in der Clique, ich hatte, ich habe sogar noch jetzt Freunde, die erzkatholisch sind, habe sogar noch regelmäßig Kontakt, habe auch viele dabei gehabt, die evangelisch sind oder andere Kirchen. Wir haben das einfach akzeptiert, dass jemand Katholik oder Atheist, mich interessiert das auch. Ich finde Kirchen als Kulturgut sehr gut, ich habe zuhause die Bibel und den Koran, das sind Kulturgüter, so etwas sollte man haben. Da sollte man darüber Bescheid wissen. Ich habe mich damals nicht davon vereinnahmen lassen.

Das ist eine gute Einstellung, hatten sie Bezug zur derzeitigen Lage, also dem Mauerfall?
Da könnte ich euch einiges dazu erzählen, wenn es da also nicht nur Offiziere gegeben hätte, die den Kopf oben behalten haben, ich erinnere nur an den Film Bornholmer Straße, ich habe das live miterlebt.

Also wo waren sie während des Mauerfalls?
Ich war drei Tage nach dem Mauerfall, in Kamenz der diensthöchste Offizier, ich habe das also live erlebt. Mit mehreren Wachen, die Munitionslager bewacht haben etc. das war eine sehr prekäre Sache.

Wie standen sie zur Grenzöffnung?
So wie es dort passiert ist, war es einfach Ausdruck der Dummheit von Schabowski. Dieses Gremium hatte einfach keine Ahnung mehr, die waren völlig überlebt. Hat man im Verhalten von Schabowski gesehen. Meine Frau hat zurzeit im Gaskombinat Schwarze Pumpe gearbeitet, eines der größten. Ich hatte dort neuste Zahlen. Der Ausverkauf der DDR ist vorangetrieben worden, es fehlte einfach das Geld. Um das international durchzustehen.

Wie war ihr Verhältnis zu Stasi?
Ich habe die belächelt. Ich habe sehr oft mit denen zu tun gehabt, ohne direkt Einfluss zu haben oder denen irgendwelche Informationen zu geben. Wir haben regelmäßig Fußball gespielt, die haben nie gewonnen. Das sind nicht die hellsten gewesen.

Danke, dass sie an diesem Gespräch teilgenommen haben!

ENDE