Wohnen, Studium und Protest vor und nach der Wiedervereinigung

Zeitzeuge: damals Studentin
Interviewer: 
Marc Trodler, Constantin Bürger / Semper Oberschule Dresden

Interview:

Unser Zeitzeugin studierte zur Wendezeit. Ihr Studium war von der Wende betroffen – sie studierte an der pädagogischen Hochschule Dresden (heute eingegliedert in der TU). Sie machte ein Aufbaustudium – hinsichtlich des Chaos jedoch absolut unnötig. Sie lebte mit 9 Studentinnen in einem zugeteilten Wohnheim. Vorher wuchs sie bei Frankenberg bei Chemnitz auf und genoss eine christliche Erziehung. Von der Wende erfuhr sie durch eine Durchsage im Zug – sie dachte, es wäre ein Scherz. Obwohl sie die Wende wollte, kam sie unerwartet. Sie hatte auch Verwandtschaft im Westen, jedoch nicht unmittelbar. Ihre nahen Verwandten lebten in Frankenberg und Berlin. Die Zeitzeugin war zwar in der FDJ organisiert – beteiligte sich aber dennoch an Demonstrationen. Probleme mit der Staatssicherheit hatte sie dabei nicht. Dennoch hat sie auch Gewalt gegen Demonstranten miterlebt und entkam selbst einmal einer Verhaftung. Die Zeitzeugin reiste gerne – zum Mauerfall reiste sie dann zeitnah nach Westberlin und machte eine Stadtbesichtigung. Darüber hinaus hat sie lange Zeit im Theater gejobbt – auch in Kneipen – dies waren auch heimliche Austauschpunkte des Protests. Diese Orte hatten mit Zuschauerschwund zu kämpfen als die Wende vorbei war. Unsere Zeitzeugin hatte keine Probleme beim Kurswechsel zur Deutschen Mark, sie hatte als Studentin sowieso nur ein kleines Privatkapital.

Gespräch:

Wir möchten gerne ein Zeitzeugengespräch zum Thema 25 Jahre Deutsche Einheit mit besonderem Augenmerk auf den Mauerfall mit Ihnen führen. Nun, dann denken Sie mal 25 Jahre zurück, damals haben Sie studiert?
Ja stimmt, da hab ich studiert.

Nun, wo sind Sie denn aufgewachsen und wie sah die Wohnsituation aus?
Wo ich aufgewachsen bin? In einer Kleinstadt, Frankenberg, in der Nähe von Chemnitz und… wie sah die Wohnsituation aus? Ganz normal, ich habe in einem Alt-Neubau gewohnt, die gibt’s jetzt nach wie vor noch. Also völlig normal, mir ist jetzt nicht in Erinnerung, dass irgendwas schlecht oder gut war.

Okay, normale Einrichtung, also Dusche, Bad, Küche war alles da? Dort hat sich also nichts verändert?
Ich hatte glaube ich eine Ofenheizung zu Anfang noch, stimmt, ja, ich hatte eine Ofenheizung, ja also richtig mit Kohle (lacht).

Und in wie vielen Generationen haben Sie dort gelebt?
Nur meine Eltern und ich.

Und die Großeltern? Wo haben die gewohnt?
Meine Großeltern väterlicherseits wohnen in Frankenberg, aber in einer anderen Wohnung. Und mütterlicherseits wohnen in Berlin.

Und hatten Sie da auch Familie, beziehungsweise entfernte Verwandte im Westen?
Ja, hatte ich, Gütersloh und Westberlin.

Waren das da direkt die Großeltern?
Ne, ne, das sind andere, irgendwelche Onkel und Tanten.

Okay, kommen wir zum nächsten Punkt. Sie haben ja bereits bestätigt, dass Sie damals studiert haben. Wie sah das Studium konkret aus, waren Sie da in der FDJ?
Ja, denn sonst hätte ich gar nicht studieren können, also man hatte als Jugendlicher im Grunde genommen keine Wahl, man musste zur FDJ, wenn man studieren wollte. Das heißt, man musste auch die Jugendweihe machen. Was es aber gab, was auch mich betrifft, das man die Konfirmation gemacht hat, aber dann erst die Jugendweihe und dann die Konfirmation.

Verstehe, Sie sind also in christlichem Hause aufgewachsen?
Genau.

Und über welches Medium haben Sie dann später vom Mauerfall erfahren?
Ich saß im Zug vom Norden, ich glaube Rostock, weiß nicht mehr genau, nach Berlin und dann wurde durchgesagt das die Grenze offen ist. Wir konnten es nicht glauben also…

Sie dachten das wäre ein Scherz?
Ja.

Und wie lange hat es dann gedauert bis Sie zum ersten Mal über die innerdeutsche Grenze gefahren sind?
Oh, vielleicht ein oder zwei Wochen.

Nun, da haben Sie sicher auch das Begrüßungsgeld in Empfang genommen?
Natürlich, sonst hätte ich ja gar nicht hinfahren können (lacht).

Haben Sie das Geld gut angelegt, in OstMark getauscht und dann zur Währungsreform gewinnbringend wiederbekommen?
Mit dem Begrüßungsgeld? Ne, Ne, das hab ich (lacht) ausgegeben. Kann dir nicht mehr sagen für was aber… Ich hab mir Berlin angeschaut also Westberlin und für den Transport also Busfahrt und ich hab mir Museen angeschaut und Essen natürlich und dafür hab ich es dann letzten Endes verbraucht.

Hatten sie Kontakt mit der Stasi?
Nein, die sind nicht auf mich zugekommen. Da war so zusagen alles im Lot. Na, die haben die Sinnlosigkeit wahrscheinlich von Anfang an… also vielleicht war da einer der mich heimlich ausgehorcht hat (lacht).

Sie haben dementsprechend also nicht wirklich etwas mitbekommen?
Ne, also zu mindestens nicht direkt.

Was haben Sie damals denn so in ihre Freizeit gemacht, also noch vor der Wende?
Ich bin jobben gewesen, also einmal in Kneipen, logischerweise, und dann hab ich ganz viel im Theater gemacht, erst mal als Kartenabreißer und das war der Vorteil, dass man dann auch in die Theaterstücke gehen konnte und später dann als Kleindarsteller. Ich hab mich sozusagen hochgearbeitet (lacht).

Und was für Rollen haben Sie so gespielt?
Bei der „Drei Groschen“-Oper habe ich mitgemacht als Statist und bei der Rocky Horror Show.

Haben Sie nach wie vor Kontakt zu diesem Theater?
Jetzt nicht mehr, aber lange Zeit. Das ging ja auch über lange Jahre hinweg, aber als ich dann angefangen habe auch noch als Lehrkraft zu arbeiten, da habe ich dann aufgehört.

Und wie hat sich das Theater dann über die Wende entwickelt?
Puh, schwierig, das hat sich ja überhaupt erst mal verändert während der Wende als die Situation gerade ein bisschen kritisch geworden ist, da waren dann ja viele Gespräche nach dem Theater, da wo dann die Schauspieler auf die Bühne gegangen sind und gesagt haben „wir treten aus unseren Rollen“ also im Prinzip als Zitat und dann gab es Diskussionen, das war auch ein Punkt warum auch viele gekommen sind ins Theater, das hat man auch fortgeführt auch über die Wende hinweg aber irgendwann hat es dann wahrscheinlich keinen mehr interessiert, es sind dann auch weniger Leute geworden. Und ja, wie ist das Theater jetzt? Es ist für meine Begriffe nicht mehr ganz so kritisch, also versteckter kritisch wie es sonst üblich war.

Also es war schon ein sozialer Treffpunkt um sich über solche Themen Gedanken zu machen?
Definitiv.

Hat sich da auch personell oder auch im Finanzwesen des Theater was verändert, nach der Wende? Oder ist das stabil geblieben?
Also es ist relativ stabil geblieben. Mehrere Jahre definitiv, aber danach gab es schon Veränderungen, also dann ist ja auch der Austausch gekommen, also Schauspieler oder Intendanten von alten Bundesländern sind dann hier hergekommen. Und wahrscheinlich sind auch unsere Leute dann wo anders hin.

Haben Sie auch noch in andere Richtungen gejobbt? Und wurden Sie mit D-Mark entlohnt?
Da kann ich mich ehrlich gesagt nicht dran Erinnern, ich bin ja auch einfach jobben gegangen weil ich das Geld brauchte. Malen ansonsten noch, aber das hab ich ja auch in meiner Freizeit sonst noch gemacht. Also da gab es dann nicht wirklich einen Unterschied für mich. Gut, ich bin viel gereist, also nicht nur in der DDR, sondern ich bin wirklich rumgefahren, Hamburg, München also dann eher erst mal im deutschen Bereich nach der Wende dann, mit dem Geld.

Kommen wir zur Studienzeit zurück, haben Sie da bei ihren Eltern weitergelebt?
Also Wochenende bei den Eltern, also zumindest am Anfang, und ansonsten in einem Wohnheim, was vielleicht ganz interessant ist. Die Wohnheimsituation war dort so, dass man dort eingeteilt worden ist, man hat also ganz klar gesagt, die Studentin kommt genau mit der und der Studentin zusammen und bei mir war das beispielsweise so, wir haben zu zehnt in einer Wohnung gewohnt, da waren drei Zimmer und ich war dann speziell in einem Zimmer mit 4 Personen also insgesamt mit 4 und war dort mit zwei „Freundschaftspionierleitern“ zusammen. (wir lachen) Ja das war ganz toll, und eben eine weitere Studentin die ich eben auch nicht kannte. Wir hatten also auch überhaupt nicht die Wahl: Also, nein ich möchte jetzt mit jemand anderem, oder so. Deshalb hab ich dann auch relativ schnell versucht aus dem Wohnheim auszuziehen und bin dann privat bei einer älteren Dame untergekommen, mit einer Freundin zusammen.

Das war noch vor der Wende?
Ja, das war noch kurz vor der Wende.

Auf Welche Universität sind sie genau gegangen?
Das hieß pädagogische Hochschule, die gibt’s nicht mehr, die ist angegliedert worden an die TU-Dresden.

Haben sie auch nach der Wende noch studiert?
Ja, da hab ich noch studiert, weil während der Wendezeit, da war also noch unklar ob das Studium überhaupt anerkannt wird oder nicht. Also wie gesagt, alles in der Schwebe. Sie sagten dann: Also mit ihrem Studium wird das so sein, wenn sie jetzt in den Beruf einsteigen, dann sind sie Lehrerin für Mittelschulen. Wenn sie jedoch ein so genanntes Aufbaustudium ran setzen, dann können sie im Gymnasium unterrichten. Den Unterschied gab es früher nicht und da hab ich natürlich ein Aufbaustudium angesetzt, weil ich im Gymnasium unterrichten wollte. Also ich hab dann nach der Wende sozusagen noch mal diese zwei Jahre drauf gesetzt.

Welche gravierenden Änderungen durch Schulreformen haben Sie da jetzt miterlebt? Es war jetzt natürlich nur teilweise gravierend, es wurden ja nur ein paar Fächer abgeschafft.
Also es war im Prinzip Chaos zu der Zeit wo ich Studiert habe, also als ich das Aufbaustudium angesetzt habe. Ich habe das deswegen dann auch gesplittet indem ich erst das ein Fach beendet habe, das war Russisch, und das andere Fach, Kunst weil ich der Hoffnung war, dass sich das dann bessert, aber dieses Aufbaustudium war halt chaotisch, über Reformen kann ich da überhaupt nichts sagen (lacht). Das war eher rückschrittlich. Ja, das ist dann später sicherlich gekommen, mit Reformen, wobei ich sage, dass das pädagogische Studium zu DDR-Zeiten besser war, also das hab ich damals nicht so gesehen, natürlich, weil ich war gegen den Staat und das ganze Gefüge, aber es war besser, zumindestens hier in Dresden.

Und haben Sie auch in/ bzw. offiziell gegen den Staat protestiert?
Also, ja, ich bin halt mit auf die Straße gegangen (lacht). Das waren damals ja die Montagsdemonstrationen, also angefangen hat das eigentlich dann damit das ich in die Kreuzkirche gegangen bin, zu den Montagsversammlungen und dann ging es im Prinzip weiter mit Demonstrationen, auf der Prager Straße und so weiter.

Speziell bei den Demonstrationen, wie sah das genau aus, besonders die Volkspolizisten, wie waren die aufgestellt und haben Sie Auseinandersetzungen da auch direkt miterlebt?
Ja, das konnte ich miterleben, also das war wirklich gemischt, man hatte dann mitbekommen das da auch ein paar Leute drin waren die Obacht gegeben haben wer denn da dabei ist, da war auch mal eine sehr brenzlige Situation, wo wir irgendwas gerufen haben, ich weiß nicht mehr was, wo sich dann einer umgedreht hat und uns gepackt hat, eine Freundin von mir und ich mit der ich auch zusammengewohnt habe, und dann haben wir uns aber irgendwie losgerissen und sind weggerannt und es sind dann auch mehrere weggerannt, das ist auch mehreren so passiert, wo sie dann auch einige eingebuchtet haben. Mir ist das zum Glück nicht passiert.

Also die Geschnappten wurden dann interniert.
Ja, genau.

Und wie lief das dann für die Internierten ab? Wurden die Freigekauft oder sind die einfach wieder freigekommen?
Die sind wieder freigekommen, die haben die manchmal nur eine Nacht behalten oder ein bisschen länger je nach dem, was sie mit denen vorhatten scheinbar und wer es von der Stellung her war, also sehr unterschiedlich. Das war eine sehr ängstliche Situation muss ich auch echt sagen, weil in dem Moment, wo der mich damals gepackt hat, da hab ich richtig Angst gehabt.

Das hat sich dann nach der Wende wahrscheinlich alles stabilisiert?
Ja, natürlich ich wollte die Wende ja auch.

Aber, wie ich jetzt entnehmen konnte, hatten sie nicht damit gerechnet?
Ja, es kam unerwartet.

Und wann und wie lief das genau dann mit den neuen Pässen ab?
Puh, also mir ist eigentlich nur noch in Erinnerung wie das Westgeld auf einmal kam aber.. . Und wie wir uns sonntags bei der Bank angestellt haben aber… mit den Pässen? Da hab ich überhaupt keine Ahnung.

Na über die Währungsreform könne wir ja auch noch reden. Wie lief das für sie genau ab mit dem Umtausch?
Naja, für mich war das natürlich einfach weil ich ja als Student nichts weiter haben konnte, deswegen hatte ich die Probleme nicht. Es gab natürlich Familien, die gespart haben und gespart und gespart haben, auf ein Auto oder ein Haus, für die war es dann schon schwieriger, weil es dann eben nicht eins zu eins getauscht wurde, sondern nur eine bestimmte Summe. Aber mehr ist mir auch nicht bekannt.

Und waren Sie vielleicht mit einer Freundin oder in Vertretung für irgendwas beim Umtausch?
Nein.

Das heißt, Sie sind einfach rein, haben Ihr Geld abgegeben, dann wurde es gezählt, Sie haben es in D-Mark wiederbekommen und sind anschließend wieder gegangen?
Ja.

Also relativ simpel.
Ja, bei mir war das simpel.

Gut, wir sind mit unseren Fragen am Ende. Vielen Dank das Sie sich Zeit genommen haben!