Schulzeit und Arbeit in der DDR und nach der Wiedervereinigung

Zeitzeugin: Kathrin Grimm
Alter zum Zeitpunkt der Wende:
19 Jahre
Interviewer:
Schülerinnen & Schüler des BSZ Lichtenstein

Interview:

Kathrin G. wurde am 1969 geboren und hat 4 Geschwister. Ihr Vater arbeitete als ABV in Niederplanitz. Ihre Mutter als Krankenschwester und später als Hausfrau. Frau G. absolvierte eine Ausbildung als Kfz- Schlosser beim Sachsenring in Zwickau vom September 1986 bis September 1988.

Wie fanden sie die Schulzeit?
Ich fand die Schulzeit schön, doch waren gewisse Lehrer sehr streng, aber dadurch hat man auch viel gelernt.

Wie war Ihre Schullaufbahn?
Von der 1.-10. Klasse besuchte ich die Bielschule in Planitz. Bis zu unserem Oberschulabschluss waren wir alle in derselben Klasse. Was ich persönlich besser fand, als heute.

Welche Fächer haben Ihnen nicht gefallen?
Die Fächer Physik, Geschichte und Staatsbürgerkunde waren nicht mein Fall, da diese Fächer mein Interesse nicht wecken konnten.

Gab es in der Schulzeit besonderes?
Ja, wir konnten für wenig Geld in der Schule essen, da wir eine kinderreiche Familie waren, bekamen wir unser Essen in der Schule umsonst. Außerdem freuten wir uns besonders auf den 6.12. zum Nikolaus, denn da bekamen wir einen Weihnachtsbeutel mit vielen Süßigkeiten. Diese bekamen nur die Kinder die auch an der Schulspeisung teilnahmen. Auch an den Fahnenappell kann ich mich noch sehr gut erinnern, der war meistens Montag und wir mussten dabei immer unsere blaue Bluse anziehen, die wir zur Jugendweihe bekamen. Vor Unterrichtsbeginn musste sich immer ein Schüler neben den Lehrer stellen und sagen „ Guten Morgen Herr Wagner die Klasse ist bereit“. Als Antwort von der Klasse kam „Immer Bereit“. Außerdem musste gesagt werden wer nicht anwesend ist.

Was gab es sonst besonderes?
Es gab viele Arbeitsgemeinschaften, wie zum Beispiel Leichtathletik. Ich persönlich besuchte die Arbeitsgemeinschaften Musik und Sport, was mir sehr viel Spaß machte.

Besuchten Sie auch neben der Schule Vereine oder sonstiges?
Ja, wie die meisten Kinder und Jugendlichen war auch ich in der FDJ. Von der 1.-4. Klasse waren wir Jungpioniere und bekamen eine weiße Bluse, einen blauen Rock und ein Blaues Halstuch. Ab der 5.Klasse bis zur 7. Klasse waren wir Pioniere und bekamen ein rotes Halstuch.

Wie ging es Ihrer Familie Finanziell?
Meiner Mutter ging es nicht immer gut, da mein Vater 1983, als ich 14 Jahre alt war, starb. Sie hat in den ersten zwei Jahren keine Witwenrente bekommen. Später bekam sie dann eine Arbeitsstelle in der Kirche.

Wie war die Beziehung zu Ihren Eltern?
Meine Mutter war recht streng zu allen meinen Geschwistern, trotz dass ich das jüngste Kind war, war ich kein Nesthäkchen, außer bei meinem Vater. Es mussten immer alle Kinder pünktlich zu Hause und am Essenstisch sein. Sonst hatte dies Konsequenzen für uns. Im Haushalt halfen alle mit, sei es beim Essen vorbereiten oder beim aufräumen.

Wie war Ihre Wohnsituation?
Wir wohnten ab 1976 in Neuplanitz in einem Wohnblock mit 4 Zimmern. Dort wohnten wir solange, bis alle Kinder ausgezogen sind. Meine 2 Schwestern hatten das größere Zimmer und ich musste mir das kleine Zimmer mit meinem Bruder teilen. Meine Mutter lebte bis zum Ende ihres Lebens in dieser Wohnung.

Hatten Sie Kontakt zu BRD-Bürgern?
Nein, wir durften keinen Kontakt zu ihnen haben da mein Vater Polizist war. Als er dann verstarb hatte ich eine Brieffreundin in Berlin. Diese besuchte ich auch später einmal.

Was hat sich bei Ihnen nach der Wiedervereinigung verändert?
Die größte Freude war, dass wir reisen durften.
Die Überfahrt in den Westen war sehr aufregend, denn wir konnten Sachen kaufen, die es bei uns sehr selten oder gar nicht gab wie zum Beispiel Bananen oder Kiwis.

Wie ging es im Beruf weiter?
Wir wussten dass der Trabant nach der Wende nicht weiter gebaut wird. Ich selber habe den letzten Trabant mit gebaut und wir waren alle sehr traurig darüber. Anschließend wurde der Sachsenring in Zwickau geschlossen.

Was gab es nun für Möglichkeiten?
Das Volkswagen Werk in Mosel war schon gebaut, sodass ich die Chance gehabt hätte, dort meinen Beruf weiter auszuüben. Ich habe eine Woche dort gearbeitet und bin dann schwanger geworden. Für die restliche Zeit habe ich noch im Sachsenring gearbeitet.

Wie haben Sie die Wiedervereinigung erlebt?
Ich war zu dieser Zeit auf Mittagsschicht und habe diese Nachricht im Fernsehen gesehen aber gedacht, es wäre ein Scherz. Es konnte keiner glauben.

Haben Sie sich über die Maueröffnung gefreut?
Ich hatte gemischte Gefühle da keiner so richtig wusste, wie es weiter geht. Dieses Gefühl hat mich sehr belastet. Auch da viele nach der Grenzöffnung in den Westen gezogen sind, war ich auch viel auf Arbeit.

Fazit:
Abschließend möchte ich sagen, dass ich persönlich die Zeit der DDR nicht schlimm fand, außer dass wir nicht reisen konnten. Jeder empfand die DDR Zeit für anders. Denn Frau Grimm hat nicht genau am Grenzgebiet gewohnt und hatte auch nicht vor, in den Westen zu flüchten. Somit hat sie auch nichts Schlimmes erlebt. Für andere, die genau an der Grenze gewohnt haben, kann ich mir vorstellen, dass es für sie nicht ganz so einfach ist, da sie jeden Tag gesehen haben was passiert, wenn man flieht. Sie haben sich mehr eingesperrt gefühlt. Wir sind der Meinung, dass es gut ist, dass die Mauer weg ist, dass aber auch nicht alles schlimm war in der DDR. Bei einem Zeitzeugengespräch ist auch zu beachten, dass jeder eine andere Meinung hat und nach 25 Jahren vieles Schlechtes vergisst und sich nur an das Gute zurück erinnert.