Schule vor und nach der Deutschen Einheit

Interviewer: Julia Kunzmann, Amelie Groß, Jasmin Bendjus, Geena-Marie Kiesewetter, Juliana Massag / BSZ Lichtenstein, Außenstelle Meerane
Zeitzeuge: Herr Kunzmann

Interview:

Wir starten jetzt mit unserer Zeitzeugenbefragung. Zu unserer Gruppe gehören Amelie Groß, Jasmin Bendjus, Geena-Marie Kiesewetter, Juliana Massag und Julia Kunzmann. Wir befragen meinen Opa, Herrn Kunzmann

Wir war Ihre Wohnsituation Anfang der achtziger Jahre und lebten Sie in einem Mehrgenerationhaus?
„Ich wohnte in einem Zweifamilienhaus und mit Dreizimmerwohnung.“

Waren Sie zu dieser Zeit verheiratet?
„Ja.“

Hatten Sie zu dieser Zeit schon Kinder, wenn ja wie viele und wie alt?
„1980 waren es zwei Kinder, die 13 und 11 Jahre alt waren.“

Hatten sie zu dieser Zeit noch Geschwister?
„Ja eine Schwester, die ist 14 Jahre älter als ich“

Welchen Schulabschluss haben Sie gemacht? Haben Sie eine Ausbildung angestrebt, wenn ja welche?
„Ich bin erst in die Grundschule gegangen. Dann in die Oberschule, das hieß zu DDR-Zeiten alles so. Anschließend hab ich in Leipzig an der Universität studiert und bin dann Lehrer geworden. Für die Fächer Mathematik und Physik.“

Hatten Ihre Eltern Einfluss auf ihr Studium?
„Ja, denn der Vater war selbst Lehrer und die Schwester ist Lehrerin und da färbte das gewisser Maßen auch auf mich ab und ich bin dann auch Lehrer geworden.“

Haben Sie weiterhin in diesem Beruf gearbeitet?
„Ja, immer weiter bis zu meinem Renten-Dasein“

Gab es zur Wendezeit eine Veränderung beziehungsweise eine Einschränkung in Ihrem Berufsbild?
„Einschränkungen nicht, die Freiheit kam ja zu uns und ich konnte dann den langersehnten Wunsch, dass ich Direktor wurde, nachgehen. Das konnte ich vorher nicht, weil ich nicht mit in der SED war und zu DDR-Zeiten war das so, dass der Direktor der SED angehören musste und ich war Mitglied der FDP.“

Wo haben Sie gearbeitet und hatten Sie einen langen Arbeitsweg?
„Ich habe zuerst in meinen ersten 3 Berufsjahren in Crimmitschau gearbeitet  und dann seit 1962 war ich in Wikau-Haßlau an drei verschiedenen Schule, aber das hängt dann mit dem Sächsischen Schulgesetz zusammen, dazu kommen wir aber wahrscheinlich später.“

Was haben Sie in Ihrer Freizeit unternommen?
„In meiner Freizeit war ich im außerunterrichtlichen Bereich tätig, das heißt ich habe viel mit Schülern, auch nachmittags, unternommen und außerdem bin ich ein Kleingartenfreund und war in einer Kleingartensparte und habe da einen Garten. Da konnte ich mich dann ausruhen beziehungsweise betätigen.“

„Sind Sie in den Ferien verreist und wenn ja, wohin und gab es da Einschränkungen?“
„Einschränkungen gab es ja, wir konnten ja nur in die sozialistischen Länder fahren, wenn wir ins Ausland wollten, aber meistens waren wir im DDR Gebiet. Wir sind meistens an der Ostsee gewesen, in Kühlungsborn beispielsweise. Und dann ist es ja für Lehrer in der Ferienzeit noch so gewesen, dass diese dann in der Ferienzeit auch noch Arbeit verrichten mussten (Ferienarbeit). Und wir hatten ein Ferienlager an der Saalethalsperre und dort haben wir ein großes Zeltlager gehabt. Und dann waren in jeden großen Ferien mindestens 14 Tage davon ausgelastet.“

„Waren Sie oder Ihre Kinder in einem Verein?“
„Die Kinder waren zum Teil in Fußballvereinen, aber selbst ich bin wie gesagt im Kleingartenverein gewesen.“

„Hatten Sie in dieser Zeit einen Führerschein oder ein Fahrzeug?“
„Ja, den Führerschein. Ich hatte erst ein Motorrad, 1961 habe ich die Führerscheinprüfung für das Motorrad gemacht. 1971 für das Auto und ich hatte einen Trabi wie das allgemein in der DDR üblich war, den hatte ich seit 1974.“

„Wo waren Sie zum Zeitpunkt des Mauerfalls? Was haben Sie gedacht und wie haben Sie sich dabei gefühlt?“
„Den Mauerfall habe ich am Fernsehschirm erlebt und das hatte sich ja schon angedeutet, das irgendwie irgendwas passieren würde und wir waren froh, dass alles friedlich vonstatten gegangen ist, endlich haben wir die langersehnte Freiheit erreicht. Wir konnten also dann in Zukunft in andere Länder fahren und dort Urlaub machen, was sonst bisher untersagt gewesen ist.“

„Wie haben Sie sich dabei gefühlt?“
„Glücklich, endlich was erreicht zu haben, was lange unser Traum war. Das heißt,  also wir hatten ja nie gedacht, dass die Mauer mal einstürzen würde.“

„Wie fanden die Menschen in Ihrem näheren Umfeld den Mauerfall und hat das Ihr Leben auch verändert?“
„Ja, die Freiheit, das muss ich nun wieder sagen, war ja das Entscheidende. Einmal von diesem Druck befreit zu sein, aber eben jetzt auch Dinge zumachen, die man früher nicht konnte.

„Was machten Sie am ersten Tag nach dem Mauerfall?“
„Das weiß ich nicht mehr genau, aber wir haben das auf jeden Fall weiter im Fernsehen verfolgt, wie beispielsweise in Berlin, als die Leute nach Westberlin gegangen sind und die Grenzen  geöffnet wurden. Und wir haben den Verkehr gesehen, dass die Wartburgs nach Bayern gefahren sind. Ja, das war dann das Erlebnis, gewissermaßen.“

„Wie lang hat das gedauert bis Sie in den Westen gereist sind?“
„Na nicht all zu lange aber das war vielleicht so vier Wochen danach. Wir haben dann eine Busreise gemacht in den Schwarzwald und ja vorher haben wir schon mal beim kleinen Grenzübergang oder sowas das Begrüßungsgeld empfangen und haben uns die ersten Bananen geleistet.“

„Also haben Sie sich von Ihrem ersten Begrüßungsgeld die Bananen gekauft oder gab es noch etwas Besonderes?“
Herr Kunzmann: „Nö, wir haben uns erstmal erfreut welche Vielfalt, welches Obst es überhaupt gibt. Manches haben wir noch gar nicht gekannt und haben uns gewissermaßen Obst gekauft, nicht nur Bananen es gab auch noch andere Früchte, aber im Einzelnen weiß ich das jetzt nicht mehr.“

„Hatten Sie weitere erste Eindrücke im Westen?“
Herr Kunzmann: „Ja, die Frage ist immer: Ist das alles Gold was glänzt oder was versteckt sich dahinter? Das war dann die Frage, die man sich gestellt hat. Ja später wurde sie dann beantwortet.“

„Inwiefern hat sich im Beruflichen etwas geändert?
Herr Kunzmann: „Wie vorhin schon mal angeklungen konnte ich Direktor werden. Ich habe    mich beworben und bin Direktor der Oberschule 4 in Wilkau-Haßlau geworden, die war damals eine Polytechnische Oberschule.“

„Wie haben Sie Ihre Schüler nach dem Mauerfall erlebt?“Herr Kunzmann: „Na, wie gesagt. Die Freiheit spielte da eine Rolle, aber ist gewisser Maßen von den Eltern herangetragen, weil die Kinder das vielleicht noch nicht so begriffen haben, was da auf sie zu kommt, weil einfach jetzt das Reisen möglich war. Urlaub auch in so genannten kapitalistischen Ländern dann gemacht werden konnte. Selbst Schulreisen oder Klassenreisen konnten ja dann nach Italien oder nach Frankreich durchgeführt werden und das hat natürlich alle dann dementsprechend gefreut.“

 „Was hat sich an Ihrer Schule geändert?“
„Na, an der Schule hat sich viel geändert. Mit der politischen Wende wurde ja  auch Verschiedenes verändert, dass heißt also, es wurde beispielsweise, weiß ich noch heut, am 13. Juni 1990 der Schulleiter der auch Parteisekretär der SED war gewissermaßen aus dem Dienst genommen, dass heißt also mit anderen Worten: für das kommende Schuljahr wurden neue Lehrer, Kollegen zusammmengestellt. Das heißt jeder Lehrer konnte sich neu bewerben für eine neue Stelle an einer Schule und jeder Lehrer konnte sich auch für eine Direktorenstelle dann neu bewerben und das ist dann mit dem Beginn des Schuljahres am 1. September 1990 dann gewesen, dass also das Kollegium vollkommen neu zusammgestellt war.“

„Was hat sich am Bildungssystem geändert?“
„Ja, also es gab ja die sogenannten Polytechnischen Oberschulen weiter noch bis 1992.
1992 gab es dann ein neues sächsisches Schulgesetz, so dass es dann Grundschulen gab für die Klassen 1 bis 4. Dann gab es die Mittelschulen für die Klassen 5 bis 10 und dann die Gymnasien für die Klassen 5 bis 12. Das war natürlich eine große Änderung, dass heißt die Klassen wurden dann nach der Klasse 4 ganz neu zusammengestellt, weil ja dann entweder Mittelschule oder Gymnasium besucht werden sollten, so dass sich das, was bisher war, dass die Klassen ja von der 1 bis zur 10  meistens zusammen waren,  sich vollkommen verändert hat. Das hat sich dannach bei den Klassentreffen später bemerkbar gemacht, dass die Klassen späterhin nicht mehr ganz so zusammen gehalten haben, weil sie eben, wie gesagt, neu zusammengestellt wurden sind. Und es gab ja noch die Bedingung, dass also ein Schüler der Klasse 4 dann ganz bestimmte Bedingungen erfüllen musste, um aufs Gymnasium zu gehen. Dann gab es also Durchschnittszensuren, die aus den drei Fächern Mathematik, Deutsch, und ich weiß jetzt nicht, wie das hieß Heimatkunde oder so was ähnliches kamen. Jedenfalls musste man besser als meinetwegen 2,0 oder so was sein und das war natürlich eine gewisse Einschränkung aber, das wurde dann auch geklärt.“

„Gibt es zum Schluss noch Irgendetwas, was Sie uns noch unbedingt erzählen möchten, Irgendetwas was noch Eindrücke hinterlassen hat?
„Es war auf jeden Fall so, dass in den Schulen eine freiere Atmosphäre herrschte. Es gab also nicht mehr die notwendige Sache, dass beispielsweise ein FDJ-Studienjahr durchgeführt wurde. Da wurde ja jeden Monat ein FDJ-Studienjahr durchgeführt, wo Wissen zur anderen Klassen nahe gebracht werden sollte, wo dann auch das sogenannte Abzeichen für gutes Wissen erteilt wurde. Es gab das Abzeichen für gutes Wissen in Bronze, Silber und in Gold und das gab es dann nicht mehr. Der Nachteil war vielleicht auch, dass die Lehrer nicht mehr so sehr mit den Eltern in Kontakt kamen oder Elternbesuche durchführen sollten, weil ja das gesamte Schulsystem gewissermaßen aus dem Westen zu uns gekommen ist, uns übergestülpt wurde, so dass wir ganz bestimmte Dinge dann eben nicht mehr tun sollten. Aber die Verbindung zwischen Elternhaus und Schule die haben wir trotzdem versucht aufrecht zu erhalten und haben das Problem dann schon so geklärt. Dann war es weiter so, dass eine Vielfalt von Lehrbüchern auf den Markt kam, das war für die Lehrer, aber auch für die Schüler schwierig. In der DDR waren wir gewohnt, dass es einen Lehrplan gab, der genauso in Rostock, wie in Aue  war. Und durch das föderale System der Bundesrepublik, wo jedes Land (wir haben ja dann das Land Sachsen gehabt) einen eigenen Lehrplan hatte, ist es dann immer schwierig gewesen, wenn ein Schüler jetzt aus beispielsweise Rostock nach Sachsen kam, der musste  fast das ganze Schuljahr nochmal neu anfangen. Auf jeden Fall gab es damit größte Schwierigkeiten, das ist auch heute noch so, weil wir in den 16 Bundesländern 16 verschiedene Lehrpläne haben und das ist ein Hinderungsgrund, auf jeden Fall.“

„Dann bedanken wir uns für das Gespräch und für die Eindrücke die Sie uns gegeben haben!“
„Dankeschön, das habe ich gern gemacht.“