Leben in der Armee in der DDR, zur Zeit der Wiedervereinigung

Zeitzeuge: Herr Miller
Interviewer:
Gina Kuntzsch, Tibor Pfeiffer, Richard Friebe /  Semper Oberschule Dresden

Bericht:

Brachte die Deutsche Einheit überhaupt Veränderungen?

Innerhalb eines Zeitzeugengepräches mit Herrn Miller erfuhren wir spannende Informationen über die Zeit vor, während und nach dem Mauerfall. Einige Fakten werden Ihr Wissen sowie Ihre Ansichten verändern und neu beleuchten! Beginnen wir mit der Kindheit vor der Wiedervereinigung. Herr Miller erlebte diese in Brandenburg, nahe Potsdam, nahe der Grenze. Trotz der nicht weit entfernten “Mauergewalt“, bekam kaum ein Bürger etwas von der Mauer mit. Kontakt und Annäherung war verboten. Unser Zeitzeuge durchlebte eine typische DDR-Kindheit. Da keine Westverwandtschaft bekannt war, hatte Herr Miller nie den Bezug und Vergleich zum Westen Deutschlands. Mit seiner Mutter, sie war Verkäuferin, seinem Vater, der das Bäckerhandwerk ausübte und seiner jüngeren Schwester, genoss er eine harmonische Kindheit. Da die Familie einen bäuerlichen Hintergrund hatte, war Familie Miller viel an der frischen Luft, mit Ackerbau und Gartenarbeit beschäftigt. Herr Miller lernte in seiner Freizeit vorbildlich viel und entdeckte schnell seine Interessen. Er betont, dass die Schulzeit damals um einiges strukturierter vor sich ging. In der Schule gab es außerdem die „Freie Deutsche Jugend“. Sie war eine „lästige Pflichtveranstaltung“, die aber keinen weiter störte und doch Gemeinschaftsgefühl auslöste. Wer „aus der Reihe tanzte“, wurde zwar gemaßregelt, jedoch weder gewaltsam, noch so düster, wie es doch so gern dargestellt wird in der heutigen Zeit. Als Kind ist man politisch prägbarer und auch damals nahm man die Beeinflussung in den Bildungseinrichtungen wahr, aber wirklich übernommen hatte Herr Miller keine politischen Ansichten. Es standen ihm alle Wege offen und er genoss, wie heute, eine freie Entfaltungsmöglichkeit. Dass diese möglicherweise eingeschränkter war, als vielleicht im damaligen Westen, oder der heutigen Zeit, stand völlig außer Frage. Woher sollte man denn einen Vergleich haben? Wieso sollte man unglücklich sein? Es gab doch alles, was sie brauchten. Zudem lebte niemand in Angst und Bedrohung durch die Stasi! Im Nachhinein wird dies oft so dargestellt. Herr Miller betont, dass das ein großer Irrtum ist. Unsinn und Schwarzmalerei der Vergangenheit. Ein wenig eingeschränkter lebte man, aber niemand hatte einen wirklichen Vergleich. Konsequenzen, wenn man „aus der Reihe tanzte“, gab es damals wie heute. Den Mauerfall erlebte unser Zeitzeuge vollkommen unspektakulär. Um nicht zu sagen gar nicht. Im Geschichtsunterricht lernt man immer, was der Mauerfall doch für ein Erlebnis war und wie die Bürger ausgeflippt sind vor Freude, wie es alle in den Westen getrieben hat. Bei Herrn Miller begann mit 18 Jahren seine Armeezeit. Als die Mauer fiel, befand er sich im Armeegebäude. Er blieb drei Jahre bei seiner armeedienstlichen Verpflichtung und beschrieb dies als eine Pflicht in einer geschlossenen Anstalt, mit wenig Ausgang und geringem Urlaub, der beantragt werden musste. Ob sich die Armeezeit verändert hat, ist fraglich. Allerdings ist sie keine Pflicht mehr, was ein positiver Aspekt ist. Im Herbst 1989 war eine starke Veränderungsstimmung bemerkbar. Im Geschichtsunterricht wird diese Stimmung zu euphorisch vermittelt. Herr Miller erinnert sich ziemlich detailliert, dass es keinen Willen gab, den Osten an den West anzugliedern, sondern man fragte sich lediglich, wie man die DDR an sich besser machen konnte, wie man das Land reformieren konnte.

Außerdem war der Westen „Ausland“ und natürlich weckte dies große Neugier. Denn in der Kindheit gab es auch kaum Urlaube weit weg von der DDR. Viele Möglichkeiten, das Ausland zu erkunden, gab es ebenfalls nicht. Am 07.November 1989 verlief der Nationalfeiertag seltsam still. Am 09.November 1989, verbrachten die Soldaten den Tag, wie jeden anderen. Es gab ein einziges Münztelefon im Gelände. Durch dieses drang die Information in die „Anstalt“ und eine große Schlange, länger als sonst schon, bildete sich vor dem Telefon. Das war die einzige Veränderung in dieser Zeit. Aufstände und Proteste vor dem Mauerfall gingen an ihnen nicht vorbei, Dank Telefon und zentraler Radioanlage. Großen Trubel durch die Vereinigung erlebten Sie jedoch selbst nach einigen Tagen nicht. Auch befand sich unser Zeitzeuge bei keiner einzigen der vorherigen Demonstrationen.

Zivilisten durften ab dem 9. November 1989 die Grenze überqueren, Soldaten und „Armeeleute“ dagegen erst 14 Tage später. Erst musste ihr Wehrdienstausweis ausgetauscht werden. Es breitete sich ein befreiendes Gefühl aus und mit der Zeit entstand auch ein Nachholbedarf, das Ausland zu erkunden und zu reisen. Erst einmal zog es aber, auch Herrn Miller, in den Westen, um diesen zu erkunden. Es muss erschreckend für die „Ossis“ gewesen sein, was sich für eine atemberaubende Vielfalt zeigte. Der Westen, kann man sagen, war vom Angebot her das glatte Gegenteil des Ostens. Kein Wunder natürlich, da die Planwirtschaft in Ostdeutschland große Einschränkungen zur Marktwirtschaft brachte. Doch auch Herr Miller war schlichtweg überfordert. So viel auf einmal! Und das nach den Aufbau- und Stabilisierungsjahren nach dem Krieg! Schnell trieb es viele der schnell ausgereisten Ostdeutschen in den Osten zurück. Sie hätten so einen Reichtum und solche Vielfalt nicht erwartet. Mit keiner Silbe hat sich ein Ostbürger so einen Anblick und so eine Welt erträumen können. Um alles zu verdauen, zu verarbeiten, bewegten sich einige bald wieder zurück in ihre „eigentliche Heimat“, die nun genauso zum Westen gehörte, wie der Osten nun Eins mit dem Westen war. Stück für Stück glichen sich die ehemals getrennten Seiten an. Wobei gesagt sein muss, dass eher die Ossis an Vielfältigkeit gewannen und sich die Wessis nur auf „Einwanderung“ gefasst machen mussten.

Positive Veränderungen waren die Erweiterung des Arbeitsmarktes, die Auswahl, die einheitliche Währung, die Meinungsfreiheit und natürlich die Vereinigung des Volkes. Endlich konnten sich Familien wiedersehen und sogar weltweite Reisen wurden möglich!

Doch unglücklich war Herr Miller sowohl mit der Mauer, als auch ohne die Mauer nie. „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Außerdem betont er abermals, dass die Zeit für die Ossis nicht so schlimm und schlecht war, wie mittlerweile ihr Ruf ist.

Zum Schluss kann man ganz einfach zusammenfassen: „Ja, die Deutsche Einheit brachte gravierende Veränderungen!“

Es waren nicht nur positive, was nicht zu bestreiten ist. Aber ohne Vergleiche verspürte man auch im Osten keine Einschränkungen und hatte Veränderungen nicht zwingend ersehnt.

Glücklich kann und konnte man zu jederzeit auf „jeder Seite“ sein. Und eine Einheit, beziehungsweise Vereinigung, bringt doch immer Erneuerungen und Vielfalt.

Gesprächsdokumentation:

Frage 1: Familiärer Hintergrund:

  • Aufgewachsen in Brandenburg, in einer Kleinstadt in der Nähe von Potsdam
  • Lebte sehr nah an der Grenze
  • Es war aber quasi verboten da hin zu gehen
  • In der Zeit der Mauer, nicht von der Familie getrennt
  • Hatte eine harmonische Kindheit
  • Familie gab den Kindern das was sie geben konnten
  • Beide Elternteile schlichte Berufe, Vater war Bäcker und Mutter Verkäuferin
  • Lebten in einem gemieteten Einfamilienhaus, was die Eltern aber später gekauft haben
  • Harmonisch aufgewachsen
  • Hatte eine größere Schwester
  • Vater hatte einen bäuerlichen Hintergrund
  • Haben Tiere gehalten
  • Das hieß auch in den Ferien viel Einsatz im Garten und bei den Tieren

Frage 2: Bildungsweg in der DDR/BRD:

Unterfrage: Wie von Brandenburg nach Dresden gekommen:

  • Erste 20 Jahre seines Lebens in Brandenburg
  • Mit 18 eingezogen worden in die Armee in der Nähe von Berlin
  • Durch das Studium und seine Frau/Freundin hat es ihn nach Dresden verschlagen
  • seitdem Wohnt er in Dresden
  • Familie lebt noch in Brandenburg

Unterfrage: Bildungsweg:

  • Schule war Strukturierter und geordneter als heute
  • Politische Einflüsse auf Schüler waren zum Teil gegeben
  • War damals auf jeden Fall beeinflussbarer als jetzt
  • Politische Einflüsse passen nicht immer zu dem, was man im Elternhaus erfährt
  • Man hatte zum Teil versucht, einen zu prägen und zu schieben
  • Aber dennoch hat man sie damals zum selbstständigen Denken erzogen
  • Man ist als Kind auf jeden Fall beeinflussbarer
  • Bildungsweg war Frei gestaltbar
  • Dennoch wurde auf den Familiären Hintergrund geachtet
  • Hat sich für 3 Jahre dem Wehrdienst verpflichtet und danach Studiert
  • Hatte zu der Zeit eine Freundin, war aber schwer aufrecht zu erhalten wegen dem Wehrdienst

Frage 3: Freizeitgestaltung:

  • Viel Urlaub war nicht drin, z.B. Ferien gab es nicht, da Eltern Tiere hatten
  • War mehr draußen unterwegs, z.B. Angeln oder um die Tiere kümmern
  • Nicht viel Zeit bei Großeltern verbracht
  • Reisen war in der Kindheit schwer, als junger Erwachsener war Nachholbedarf

Frage 4: Vor dem Mauerfall:

  • Armee war Pflicht, das war manchmal etwas nervig
  • Gab keinen Zivildienst gab es keinen, alle waren uniformiert

Unterfrage: Schule:

  • War ehrgeizig in der Schule
  • Machte zu Hause Sachen, die über den Unterricht hinaus gingen
  • Das fiel aber leicht und es musste eher für Fremdsprachen gelernt werden
  • Es war so die Waage zwischen Freizeit und zu Hause Lernen
  • Hatte aber auch viel zu Hause ausprobiert

Unterfrage: Wie haben sie den Mauerfall erlebt?

  • Hat nicht viel davon gemerkt
  • Da er in der Armee war, und die Leute im Wehrdienst so gehalten worden, dass sie nichts erfahren
  • An dem Tag war er merklich ruhig aber nichts außergewöhnliches
  • Es gab ein Münztelefon aber es war ja nichts außergewöhnliches
  • An dem Tag des Mauerfalls übten sie Marschieren auf dem Hof
  • Sie hatten ein Radio da mit dem sie auch ganz normal Radio hören konnten
  • Da sagte jemand das er im Westberlin am Bahnhof Zoo sich die Gegend angeschaut hatte
  • Das nahmen sie aber nicht so für ernst und gingen weiter Marschieren
  • Als die Mauer dann offen war, war es aber nicht so wie es heute beschrieben wird
  • Es war eher unschlüssig was man machen sollte mit der BRD und die Wiedervereinigung war erst direkt später
  • Es war eine gewisse Neugierde da, da es „Ausland“ war
  • Die Leute im Wehrdienst duften erst noch nicht über die Grenze
  • Normale Bürger ab dem 9. November schon
  • 14 Tage später wurde aber ein Beschluss erlassen, und ab da durften auch sie über die Grenze

Unterfrage: wie haben Sie das erste Mal im Westen erlebt?

  • Es war eine andere Welt
  • Man kannte z.B. nur, dass es eine Zahnpasta gab und mehr nicht
  • Im Westen war es teilweise wie heute, wo man sich erst mal durch 10 verschiedene Firmen graben muss
  • Was schon eher nervig ist
  • Der Osten hat natürlich auch seine Spuren hinterlassen
  • Es war alles voller, hätte sich nie vorstellen können da zu leben

Unterfrage: Was wäre aus Ihnen geworden wenn die DDR weiter da gewesen wäre?

  • Entschied sich damals für ein Naturwissenschaftliches Studium
  • Nach der Wende an der Schule studiert, wo er sich vor der Wende beworben hat
  • Studium war gut, aber die Berufsaussichten waren damals schlecht
  • Vor dem Mauerfall wäre es nicht so gewesen
  • Hätte nach dem Studium auch ins Ausland gehen können
  • aber da seine Frau auch etwas an Dresden gebunden war, hat er das gelassen

Abschließende Frage: Nach dem Mauerfall, Was hat sich konkret verändert?

  • Große Massenarbeitslosigkeit Anfang der 90er Jahre
  • Ist zum Teil immer noch so, aber nicht so schlimm
  • Durch den Mauerfall war eine Unsicherheit in der Bevölkerung
  • Durch Grenzöffnung mehr Arbeitsplätze im Westen
  • Mutter war ja Verkäuferin, hatte es aber dennoch schwer zu wechseln
  • Gehalt ist nach wie vor im Osten niedriger als im Westen
  • Enteignungswelle nach der Wende
  • Heißt, dass die Menschen, die in den Westen gegangen sind und ihre Häuser und Grundstücke zurück gelassen haben, es später einklagen konnten und im Westen eine Geldentschädigung bekommen haben
  • Damals gab es weniger zu kaufen als heute
  • Heute auch viel mehr Lebensmittel auch aus dem Ausland ( Importierte Wahre )
  • Heute hat man mehr Meinungsfreiheit
  • In der DDR war mehr aufgezwungen
  • Mehr Präsenz der Armee, auf den Straßen und generell