Jugend und Arbeit in der DDR und nach der Deutschen Einheit

Zeitzeuge: Andreas Kurth
Alter zum Zeitpunkt der Deutschen Einheit: 30 Jahre
Interviewer: Schülerinnen und Schüler des BSZ Lichtenstein / Außenstelle Meerane

Interview:

Wie waren Sie zu Ostzeiten? Hat sich irgendwas an Ihrer Persönlichkeit von damals geändert?
„An meiner Persönlichkeit hat sich eigentlich nichts geändert, sie ist dieselbe geblieben. Für mich in Ost und West. Ich bin damals groß geworden in der Schule. Mit der Schule kam natürlich diese kommunistische Doktrin, also Partei etc., wo ich nicht rein gegangen bin und bin dann auch weiter meinen Weg gegangen, aber ansonsten, gegenüber heute hat sich nicht viel geändert. Ich bin nach wie vor der Alte geblieben, wenn man das so sagen kann. Ich hatte damals auch schon einen großen Familiensinn, wollte von der Schule raus, immer schon ein Mädchen haben. Im Großen und Ganzen aber, bin ich der Alte geblieben, also diese Wende an sich hat mich nicht groß belastet. Was wollte ich noch sagen? In der Schule, wir waren immer so ein bisschen aufmüpfig in der Schule. Wir haben auch unsere ‘kleinen Späßchen‘ gemacht, z.B. der Lehrerin mal einen Schneeball auf die Brille geschmissen, da fliegt die Brille davon. Oder mal den Vater in die Schule bestellt, damals hieß das, dass der Junge da mal paar hinter die Löffel bekommt und mein Vater war der Meinung, ‘Wenn ich es Zuhause nicht machen kann, dann machen die es in der Schule‘, wenn ich mich schlecht benommen habe dann gab es einen ‘Bumms‘. Das hat er vollkommen akzeptiert.“

Wo haben Sie gelebt und wie war Ihre Wohnsituation damals, also in der Familie, die Wohnausstattung?
„Ich hab gelebt, so wie du es jetzt hier siehst, in diesem Haus, nur eine Etage höher. Bin eigentlich in Görlitz geboren, aber nach 3 Monaten hier eingezogen. So, dann bin ich hier groß geworden, hier in Crimmitschau in der Gottweichschule in der Polytechnischen Oberschule groß geworden, die letzten 2 Jahre in der Käthe- Kollwitz -Schule, weil die andere Schule hier abgerissen worden ist. Ansonsten ist die Wohnsituation nicht viel anders wie jetzt. Jetzt bessere Möbel, damals auch gute Möbel, die Situation an sich war für mich mehr als gut, ich konnte nicht meckern. Mein Vater hat ein Bad im Keller gebaut und wir hatten auch im Bad alles und was viele andere in der DDR noch nicht hatten.“

Was wäre ein Beispiel für etwas was Sie hatten, aber andere in der DDR noch nicht?
„Ein Bad, früher gab es Plumpsklos, irgendwo auf dem Treppenhaus bist du dann aufs Klo gegangen, ohne Wasserspülung, ohne alles. Das war am Anfang bei uns ja auch so, da musstest du Zeug rein schütten, damit die Maden nicht hoch konnten. In der Wohnung an sich, Kachelofen, Holzkohle zum Feuern, dann hatten wir Gas, also Gasherd. Ansonsten hat es mir als Kind nicht gemangelt. Alles war gut, Wohnung, Schule, Familie. Naja, bei Familie die kleinen Konflikte halt. Also ich war glücklich, ich hab keine so schlechten Erfahrungen gemacht. Mit 17 hab ich dann auch angefangen zu rauchen.

Dann würden wir gerne zur schulischen Ausbildung kommen, der NVA. Warst du schon immer in der NVA oder hatte man davor eine feste Ausbildung oder einen festen Arbeitsplatz?
„Ich war in der NVA, aber das hat nichts mit immer zu tun. Die Frage jetzt ‘schon immer dort gewesen‘ ist quatsch. Ich hab meine Schule abgeschlossen, meine Lehre als Elektriker gemacht und bin dann 1977 eingezogen worden zur NVA im Rahmen der Wehrpflicht. Nun ist es aber so, dass ich dort auf Wiedergabetechnik gehen wollte, also Filme vorführen oder Veranstaltungen machen usw. und da war die Bedingung 3 Jahre Wehrpflicht, also bin ich 3 Jahre hingegangen, freiwillig. Es waren ja nur 18 Monate, eigentlich, und ich hab freiwillig die 3 Jahre gemacht wegen der Wiedergabetechnik. Also ein Facharbeiter in Filmvorführtechnik, den ich bei der Armee gemacht habe, aber heute nicht mehr ausführen kann.“

War es nach der NVA leicht wieder ins Berufsleben rein zu kommen?
„Ja, und zwar aus dem Grund, da ich ja zu DDR Zeiten schon in meinem Betrieb war und da war es ja so, dass der Betrieb dich ja eigentlich zur NVA geschickt hat, also die Wehrpflicht war sowieso da, aber wenn du Freiwilliger wie ich warst, war es dann so, dass sie dich dann unterstützt haben, z.B. Päckchen oder Essen zu Weihnachten geschickt. Du bist dann also raus gekommen und hattest deinen Arbeitsplatz danach wieder sicher, also es ist nicht so wie das vielleicht heute ist, dass man einfach abgeschoben wird. Ich hatte meinen Arbeitsplatz wieder und es war wie vor 3 Jahren, ganz normal, ohne irgendwelche negativen Sachen. Ich hab meine Arbeit weiter gemacht und bin auch heute noch in der Firma. Sie war so gesagt, wie eine große Familie, die haben dich nicht alleine gelassen. Damals war die Eingliederung kein Problem.“

Hatten Sie in der NVA schöne Erlebnisse, die Sie nicht vergessen können, praktisch mit Kameraden? Oder gab es auch Momente, wo Sie sagen, dass diese so schlecht waren, dass sie unvergesslich sind? Schöne und schlechte Erfahrungen.
„Die schlechte Erfahrung war die Trennung von Zuhause, weil ich ja wie gesagt ein gutes Elternhaus hatte und dann bist du das erste Mal weg. Der Morgenpfiff, wenn du raus musstest. Früh der Drill auf Grund von Vorgesetzten, etc. Das war alles ein bisschen hart. Wir sind dann schon ein bisschen getriezt worden. Schlechte Erfahrungen waren z.B., wenn du an deine Grenzen gebracht wurdest, körperlich und seelisch. Seelisch war z.B., wenn du die Stube sauber gemacht hast und jemand kam und Kaffee dort hin geschüttet hat und gesagt hat „nochmal!“. Da gehst du innerlich hoch, darfst dich ja aber nicht wehren. So etwas war dann aber eher unter den ‚kleinen Leuten‘ wie wir es waren.

Schöne Sachen, ja, die Kameradschaft, weil jeder für jeden eingestanden hat, wenn was passiert ist. Wir haben uns gegenseitig geholfen, uns in Betten und Strohballen gekuschelt, da wir uns auch draußen Löcher graben mussten, um darin zu übernachten. Das war eine Übung über 3 oder 4 Tage, diese wurde dann abgebrochen, weil es einfach zu kalt war, Wasser war gefroren usw.“

Wo warst du am Tag der Wende, wie hast du davon erfahren?
„Am Tag der Wende war ich zu Hause, bzw. auf Arbeit, hab es aus den Nachrichten erfahren, mehr auch nicht. Ich war immer zu Hause, ich hab keine Demos mitgemacht so wie es in Leipzig war. Weil ich war ja jeden Tag auf Arbeit, ich hatte keine Zeit in irgendeine Demo zu gehen um das Ganze zu demonstrieren. Das hätte man machen können jaa, aber dann hätte ich ja meine Arbeit fallen lassen müssen und das wiederum wollt ich nicht.“

Was war dabei dein erster Gedanke, was hattest du gefühlt? Hattest du Angst oder warst du glücklich?
Es war eine Art Angst erst mal. Angst vor dem Neuen was kommt. Es gab ja zu DDR Zeiten schon mal diesen kalten Krieg. Also, dass Ost und West sich bekriegt hatten. So war doch die Grenze eigentlich ein Punkt wo man sagt, wenn die aufgeht, könnt ja auch das und das passieren. Also könnt ja passieren, dass waren halt meine Ängste, dass man uns jetzt übernimmt oder nicht oder es wird geschossen. Und aus der Ferne heraus, wenn dort die Polizei auffährt und die NVA mit erhobenen Waffen, das ist wieder etwas, was bei uns auch passiert ist. Da war mal ein Zeitpunkt gewesen, 1978, da war eine so genannte Mobilmachung der Partei in der NVA gewesen. Das bedeutet, die Männer, die draußen waren, wurden eingezogen, weil bei der NVA die männlichen Personen Reservisten gewesen sind. Das bedeutet, dass man in jedem Fall eingezogen werden konnte zur Armee. Im Krisenfall, was bedeutete, im Krieg. Wir mussten jeden Tag um 4 aufstehen, anziehen und in die Waffenkammer. Waffen mit richtigen Patronen drin. Ansonsten immer mit Platzpatronen. Dann raus, hingestellt und da haben wir gesehen wie sie die Leute aus den Straßen geholt haben. Omnibusse reingeleitet, die Männer raus, die Frauen konnten weiter fahren. Und da hatte ich Angst, weil halt, diese Kommunikationssachen, die gab´s damals nicht, also wie Handy und da war es ein bisschen beängstigend. Es war also wie so ein Schweben, gespalten. Von der einen Seite, du bist ja in der DDR groß geworden, du bist ja eigentlich sozialistisch erzogen worden, aber das war eigentlich nicht deine Sache. Wir haben z.B. West Radio gehört, die Beatles, den amerikanischen Berliner Radiosender. Wir konnten hier bei uns West Fernsehen gucken, also ARD und ZDF. Es waren andere Sender, das gab´s was neues und die Werbung. Bei der Werbung dachtest du auch schon wieder: oh was die da drüben haben. Dann gab´s ja auch noch die Intershops, wie da die Luxseife, mit so einem schönen, süßlichen Duft.“

Wie reagierte denn jetzt z.B. dein Umfeld, auch die Familie auf diese Nachricht? Konnten sie sich damit identifizieren?
„Gelassen, entspannt. Wir hatten keine Probleme damit, sie hatten gemacht, was sie machten. Es wurde nicht großartig gebrüllt oder so was. Das war alles so bisschen gelassen. Wie es kommt, so kommt´s.“

Nach dem Mauerfall, was hast du denn im Westen als erstes gemacht?
„Den ersten Kontakt mit dem Westen hatte ich in Hof. Da sind wir am 30.12 uns Geld holen gefahren, da gab es ja die 100 Mark. Und da sind wir durch die Stadt gegangen und da hatte ich so ein beklemmendes Gefühl von den Massen, also der Westen hat mir nicht gefallen, absolut nicht. Das war zu hektisch, zu voll. Ich war im Supermarkt und da war diese Fülle. Und dann bin ich dort raus, da war ein Fleischer und hab ich halt gesagt, jetzt hab ich Hunger. Und da hab ich mir eine Bockwurst gekauft, auch von meinem ersten West Geld, die 100 die ich da gewechselt hatte. Aber, und das war dann der Eindruck, die hatte nicht geschmeckt, nix gwürzt, gar nix. Nicht wie unsre, das Brötchen genauso, nicht geschmeckt. Ich wollte dann einfach wieder Heim. Ich wollte zurück und da sind wir wieder hinüber gefahren, wieder über die Grenze und da war es wieder die heile Welt. Für mich war es dort ungemütlich, ich wollte das nicht, vielleicht steckt das auch heute noch drinnen. Man kommt schon zurecht mit den Leuten. Ist schon schön, schöne Gegenden, gute Leute dort, aber naja, man stellt sich da irgendwann ab.“

Die Abschlussfragen, Hattest du zu Ostzeiten Pläne für die Zukunft und konntest du sie auch umsetzen oder hatte sich dadurch einfach zu viel verändert?
„Nee Pläne im Osten hatte ich eigentlich gar nicht, außer dass ich in einem Betrieb vorwärts komm und mehr nicht. Also sprich, meine Arbeit machen usw. Da haben wir noch bisschen Disco gemacht, so nebenbei. Aber ansonsten, naja große Pläne, die konntest du damals nicht haben, verwirklichen nicht mit normaler Arbeit. Aber ich muss sagen, ich hatte damals eigentlich schon sehr viel gehabt, dadurch halt, dass mein Vater schon so bisschen Beziehungen hatte im Osten. Aber naja große Pläne schmieden, ich mein naja klar wolltest du in deinem Betrieb weiter kommen, ein Meister oder so was machen aber dann kam die Wende und dann hatte sich das erst mal auch erledigt, bin im Betrieb geblieben, hätte weiter machen können, hab ich dann aber nicht. Hab dann einfach meine Arbeit weiter gemacht und das war ja schon ein großes Plus, dass ich auch nicht entlassen wurden bin. Dass der Betrieb Bestand hatte. Dann kamen die Kinder, sie waren dann eigentlich die Pläne, sie groß ziehen, dass kam ja dann erst nach der Wende. Bin auch stolz drauf, hab ´ne gute Frau, gute Kinder und sie haben mich eigentlich auch nie enttäuscht in Sachen Drogen, Rauchen usw. Meine Zukunft war eigentlich jetzt auch sich z.B. einen großen Fernseher leisten zu können oder etwas, was halt technisch ein bisschen aufwändiger war. Aber ansonsten, ich hab doch alles geschafft, hab ein eigenes Haus, eine Familie, alles gut, alles top.“

Die letzte Frage, Was ist deine Meinung, wenn du damals mit heute vergleichst?
„Eine etwas schwere Frage weil damals, ich sag immer, man wächst in eine Zeit rein. Im Nachhinein, wenn ich es vergleiche von meiner Warte aus, ist es jetzt besser, als zu Ostzeiten. Weil, jetzt verdiene ich mehr, kann mir geldlich mehr leisten, kann meinen Kindern mehr geben, nicht so wie es damals war, kann mir alles kaufen, wie eine Banane oder Apfelsine, was zu Ostzeiten nicht möglich war. Die Elektronik war ja damals so teuer, also fast unerschwinglich. Wie dieser Sternrekorder, der hatte bis zu 800 Mark gekostet. Ich hatte 790 Mark verdient im Monat, also war eigentlich fast unerschwinglich, genau wie ein Auto. Aber ansonsten, war es gut, man war halt zufrieden mit dem was man hatte. Das andere hattest du nur im West- fernsehen gesehen oder musstest halt eben die Mauer überwinden und das ging ja nicht. Nee, also es ist jetzt schon besser. Was jetzt natürlich ein kleines bisschen nachgelassen hat, ist diese soziale Sicherheit die in der DDR da war. Die hast du jetzt nicht mehr. Jetzt ist alles und jeder auf sich selbst gestellt und du hast auch nicht mehr diese Kameradschaft oder diese Freundschaft, die Leute in deiner Umgebung. Das war halt früher, der Zusammenhalt war besser, jeder hat jedem geholfen. Wir waren ja eigentlich alle in derselben Lage und hatten auch mal mit ausgeholfen und das ist eben heute nicht mehr. Und da muss ich auch sagen, da ist es im Westbereich schlimmer, im Ostbereich geht das mal noch, selbst heute, dass man noch sagt, komm ich helf dir. Das hatte ich auch auf der Arbeit mitbekommen, wie wenn du mal einen Gabelstapler fährst, um etwas Schweres zur Seite zu heben. Im Westen wollen sie dafür Geld oder eine Flasche Bier oder so. Aber im Großen und Ganzen, jetzt kannst du ja auch mal nach New York fliegen oder das und das, aber dafür braucht man Geld und das muss man sich verdienen. Das ist das, was manche nach der Wende nicht geschnallt haben. Und auch die jungen Leute heute müssen arbeiten, sich eine Karriere machen. Für uns, grade der Aspekt Karriere, ist ja ganz dumm gewesen. Ich war zur Wende knapp 40. Da konntest du keine Karriere mehr machen, in dem Alter. Man kann es machen, manche haben es auch gemacht, was ja auch gut ist. Aber ja, man muss es halt unter dem Aspekt sehen: es gab damals und es gibt heute Vor- und Nachteile.“