Familien- und soziales Leben vor und nach der Wiedervereinigung

Zeitzeugin: Jana Rapke
Alter zur Zeitpunkt der Wende:
18 Jahre
Interviewer: Tobias Rapke
Gruppe:  Max Straube, Luca Bors, Maximilian Pultar, Thang Long Dao Ngyuen und Tobias Rapke / BSZ Lichtenstein

Interview:

Was für einen Beruf hattest du damals?
Zu dem Zeitpunkt der Wende hatte ich eine Ausbildung zur Wirtschaftskauffrau und mein Betrieb damals wusste nicht so richtig wie es weitergeht.

Welche Auswirkungen hatte die Wende auf deinen Beruf?
Ich wurde leider als Auszubildende nach der Beendigung meiner Ausbildung nicht übernommen und musste mir etwas Neues suchen. Ich versuchte erst mal als Verkäuferin zu jobben und hatte später die Überlegung ob ich nicht auch etwas anderes machen könnte, habe dann Bauzeichner gelernt und dann noch eine Betriebswirtausbildung hinten dran gehangen und bin seitdem im Betriebswirtschaftlichen Zuhause.

Du weißt, dass am 9.November 1989 die Mauer in Deutschland gefallen ist, wie war deine
erste Reaktion auf den Mauerfall?
Also meine allererste Reaktion war darauf, „Krass!“ und ich war gerade mit meinen Kumpels essen in einer Gaststätte in Berlin und wir sind aufgestanden und haben überlegt was wir nun ganz schnell machen können um das Ereignis mitzuerleben. Wir sind dann sofort los gemacht und wollten das Spektakel mit verfolgen.

Also warst du unmittelbar mit an der Grenze, als die Mauer fiel?
Ja ja, also ich war unmittelbar dabei als die Schranken aufgingen, also wir hatten keine direkte Mauer, sondern eine Schranke, wo sich unheimlich viele Menschen versammelt hatten und dann klingelte das Telefon und plötzlich ging die Schranke auf und alle rannten zu ihren Autos. Das waren so 2000 bis 3000 Menschen, ich weiß es gar nicht mehr so genau.

Konntest du dir das jemals Vorstellen, dass die DDR und die BRD sich irgendwann einmal
vereinen könnten?
Nie im Leben, hätte ich niemals erwartet.

Hat sich in deiner Familie oder in deinen weiteren Familienkreisen irgendetwas
verändert nach der Wende?
Also so richtig verändert hat sich in meiner Familie nichts, sie sind alle da geblieben und sogar in Glauchau haben sich viele niedergelassen und sind gar nicht weiter weggegangen. Im weiteren Familienkreis waren schon welche die ihre Koffer gepackt haben und sind dann ausgewandert und sind dann weg von hier gegangen und dachten, sie könnten sich wo anderes etwas Neues suchen, wobei von der Entwicklung sind ganz, ganz viele schon wieder zurück gekommen.

Hattest du persönlich Angst vor der Zukunft in der neuen BRD?
Nein, ich hatte überhaupt keine Angst vor der Zukunft, weil erstens mal war ich noch ziemlich jung und zweitens mal war es dann so gewesen, dass man dann neugierig geworden ist, was kommt auf einen zu und wo kann man überall hin und es waren ja auch alle Grenzen geöffnet und da habe ich mich eher auf „das Neue“, was da kommt, gefreut.

Und wie waren deine Erwartungen diesbezüglich für dein zukünftiges Leben?
Ehrlich gesagt hatte ich zu dem Zeitpunkt noch gar keine Erwartungen gehabt, weil ich noch nicht wusste was in irgendeiner Form auf mich zukommt oder wie auch immer.

Wie hat sich dein Leben nach der Wende auf dein Konsumverhalten ausgewirkt?
Plötzlich gab es Lebensmittel zu kaufen, die vorher undenkbar waren. Es gab zum Beispiel viele verschiedene Sorten Joghurt, unterschiedliche Säfte und Süßigkeiten. Durch die neuen Inhaltsstoffe und Konservierungsmittel reagierte meine Haut anfangs allergisch und mein Gesicht sah aus, als ob es sich schälen würde. Der Ausschlag ging dann zum Glück mit Kortison Creme zurück.

Und wie hat sich dein Reiseverhalten verändert?
Früher bin ich über Jugendtourist nach Polen, Ungarn und Russland gereist. Man konnte  nur in das sozialistische Ausland reisen, dafür musste man sich Monate vorher in einer Reisevermittlung anstellen und fragen, welche Reise es noch gäbe. Dann konnte man höchstens 2-3 Länder, die man bereisen wollte, buchen. Man fuhr auch immer in Reisegruppen, meistens immer in einem Zug. Nach der Wende standen mir alle Türen offen und ich bereiste Portugal, Spanien, Tunesien usw.

Meine letzte Frage zu dem Thema ist: hattest du in deiner Zeit in der DDR eigentlich mal das Bedürfnis zu fliehen?
Ich persönlich hatte das Bedürfnis nicht, mir ging es gut, meinen Eltern ging es gut, vielleicht mal darüber nachgedacht, da wir durch das Westfernsehen uns dachten „ach ,das können wir auch haben“ aber das das jetzt so stark war, dass ich den Gedanken daran bekommen hatte abzuhauen, hatte ich nicht, also uns ging es gut.