Ein Leben in der DDR

Zeitzeuge: Peter Kießlig
Alter zum Zeitpunkt der Wende:
38 Jahre
Interviewer:
Schülerinnen und Schüler des BSZ Lichtenstein / Außenstelle Meerane

Interview:

Stell dich bitte mal kurz vor!
„Ja, mein Name ist Peter K., ich bin 64 Jahre alt, Rentner und Opa von der Michelle K.“

Kommen wir nun zu unserem 1. großen Thema, es ist zwar schon etwas her, doch kannst du uns bitte mal einen kurzen Einblick in deine Kindheit gewähren?
„Ich bin am 23.09.1951 geboren und als Einzelkind im Voigtland, in Mühlau, aufgewachsen“

Waren deine beiden Elternteile berufstätig?
„Meine Mutti war zuhause, nach meiner Geburt, und mein Vati arbeitete bei der SDAG Wismut, d.h. übersetzt ‚Sowjetisch-Deutsche Aktien Gesellschaft‘, dort wurde Uran abgebaut, mein Vati hat dort gearbeitet und eigentlich gut verdient, so dass wir uns das leisten konnten. Zum damaligen Zeitpunkt gab es ja auch noch Lebensmittelmarken und wir bekamen davon mehr, weil ja die Wismut- Kumpel doch eine recht schwierige und gefährliche Arbeit hatten, durch das Uran. Und ich kann in dieser Zeit nur einen Blick richten und sagen, dass ich eigentlich eine sorgenfreie Kindheit hatte, auch als, oder gerade weil ich „Einzelkind war. Mir ging es gut.“

Und dadurch, dass deine Mama nicht arbeiten war, warst du trotzdem im Kindergarten? Oder bist du zuhause gewesen?
,,Ja, das ist ein ganz lustiges oder auch für meine Mutti nicht so lustiges Problem gewesen. Ich war 2 Tage, vielleicht auch 3, im Kindergarten und habe das nicht so toll gefunden. Meine Oma damals, die hatte mir immer Schnitten mitgegeben, denn zum Teil war es auch so, dass die Kinder ihr Mittagessen direkt von Zuhause mitbringen konnten. Die Küchenfrau gab mir aber weiße Bohnen, diese waren für mich ein Grauen und ich sollte das essen. Ich sagte aber ‚meine Oma hat mir doch etwas mitgegeben‘, sie meinte dann Nein, das wäre nicht so. Und letzten Endes hatte es sich herausgestellt, dass die Küchenfrau mein Essen aufgegessen hatte und ich sollte dafür die weißen Bohnen essen und da war der Kindergarten für mich erledigt.“

Ok, und wenn du dich etwas später daran erinnerst, ich sag jetzt mal Grundschulalter, was hast du da in deiner Freizeit gemacht?
„Nachmittags oder auch nach der Schule, war ich doch recht viel unterwegs in der Natur, die ich ganz toll finde, auch heute noch und habe mit den anderen Kindern gespielt, Verstecker oder Seilspringen, was die Mädels früher oft gemacht haben oder auch, naja, wir sind viel draußen herum gesaust, wir hatten ja kein Fernsehen gehabt und so haben wir nur bei schlechten Wetter drinnen gespielt.“

Weißt du noch wann du eingeschult wurdest? Und ob ihr dieses Ereignis groß gefeiert habt, so wie heute?
„Ich wurde im September 1958 eingeschult. Ich mit kurzen Hosen und Hosenträgern, das war damals so modern. Ich hatte 2 Pflaster auf den Knien, links eins, rechts eins, wie das bei den Jungs damals so war und die hat man da auch sehr schön gesehen. Zur Feier sind wir dann in eine Gaststätte gegangen, aber wir haben dort im ganz bescheidenen Sinne gegessen. Damals gab es ja nicht viel, sprich was Fleisch betrifft oder sonstige gute Sachen, sondern es gab nur einfache Sachen.“

Benenne uns doch ein paar wichtige Punkte in deiner Schulzeit, also was ihr so gemacht habt, oder woran du dich noch gut erinnerst bzw. was dich sehr geprägt hat!
„Ja, vor allen Dingen war es in den Unterstufen, die bis zur 4. Klasse ging, doch ganz beeindruckend, dass wir mit Aufnahme in die Schule, gleichzeitig auch in die Gruppe der Jungpioniere eintraten, was  ja ziemlich gleich am Anfang der 1. Klasse geschah. Man hatte dann sein blaues Halstuch bekommen, spätere Jahre galt man dann als Thälmann-Pionier und das war doch ganz interessant, da man ja auch viele kennengelernt hat. Aber sonst war in der Schule nicht viel anders als heute auch.

Und ich weiß ja auch, dass du die Schule gewechselt hast, weil du umgezogen bist und vielleicht können wir ja darauf eingehen, ob dir der Einstieg schwer gefallen ist?
„Es war in der Hinsicht so, dass wir ja in Mühlau gewohnt haben. Noch zwei Sätze dazu. Wir haben in einer Einraumwohnung gewohnt, welche gleichzeitig Küche und Wohnzimmer war und das Schlafzimmer war ein separater Raum. Wir haben auch nicht alleine gelebt, denn Mäuse hatten sich durch das alte Gemäuer gefressen und da hat es immer hier und da mal geraschelt. Dadurch sind wir umgezogen, innerhalb von Mühlau, aber dann doch so weit weg aus Mühlau, nach Selingstädt, weil dort von der Wismut neue Häuser gebaut wurden. Diese waren pikobello, hochmodern mit Bad und Kohleofen, es war eine richtig schöne große 2-Raum-Wohnung. Ja, meine Freunde blieben dann in Mühlau in der Schule zurück und wir hatten damals auch kein Auto gehabt und der Kontakt ist dann über die vielen Jahre eingeschlafen. Also ich hab dann in der Hinsicht keinen direkten Kontakt mehr zu Schulkameraden, Schulfreunden gehabt.“

Hast du dann schnell Freunde gefunden an der neuen Schule oder fiel dir das schwer?
„Es ist genauso wie heute, es ist zum Teil schwer, zum Teil nicht so schwer. Man sieht sich und entweder man versteht sich oder eben nicht und ich persönlich hatte da keine großen Probleme da Anschluss zu finden.“

Hast du die politische Ideologie im Unterricht gespürt bzw. war das ein großer Bestandteil in deinem Leben? Hast du das bewusst mitbekommen?
„Das war eigentlich in der Hinsicht so, die politische Ideologie, wie man das so gemacht hat, ist einem gar nicht so aufgefallen, weil man, ja quasi da hinein gewachsen ist. Man hat ja die Pionierkleidung angehabt und das war irgendwie, man war stolz, das hat zu einem gehört und dann die anderen suchen, man darf das nicht so allgemein sehen, es wurde dort auf Ordnung geachtet und es war eine strenge Erziehung, würde man heute vielleicht sagen, aber in der Unterstufe war in der Hinsicht nicht so, dass du das wahrgenommen hast, das es eine gezielte politische Ideologie war, die dann doch später ausgeufert ist. Im Laufe der Jahre wurde es ja dann auch ein bisschen strenger mit der Erziehung, da kamen ja dann auch Sachen wie Pionierferienlager, Kinderferienlager, Jugendherberge und so. Man hat dort Morgenappell gemacht und man empfand das alles ganz normal, wie als würde früh der Wecker klingeln.“

Nach deinem Schulabschluss, was hast du danach gemacht? Ausbildung oder Studium?
„Nach der Schule gab es für 5 Jahre eine besondere Ausbildungsrichtung in dem Zusammenhang, dass man die 8. Klasse praktisch als Grundausbildung machte und in der 9. und 10. Klasse parallel dazu einen Beruf erlernen konnte. Und ich habe mich damals entschlossen, in der Schule, in der ich dann später war, die 9. und 10. Klasse mit beruflicher Grundausbildung im Landwirtschaftsbereich, einmal in Feldbau und einmal für die Viehzucht zu besuchen. Ich hab mich für Viehzucht entschieden und hab dort meine Facharbeit für Rinderzucht gemacht. Und ich war dort der einzige, dessen Vater in der Wismut gearbeitet hat, also Proletarier war, dadurch haben mich alle ein bisschen komisch angeguckt. Das war nicht böse gemeint, aber es war für alle interessant, dass einer sich eben dafür interessiert hat. Ich dachte mir aber, dann hab ich wenigstens einen erlernten Beruf, falls ich das mit dem Studium nicht schaffen sollte. Nach der Ausbildung zum Facharbeiter bin ich dann 3 Jahre zur NVA gegangen und danach habe ich dann Veterinärmedizin studiert und war dann Veterinäringenieur.“

Wie hast du deine Freizeit verbracht? Wir hatten schon darüber geredet, wie du es im Grundschulalter gemacht hast, aber wie hattest du es nach der Schule bzw. nach dem Studium gemacht?
„Also die Möglichkeiten waren wirklich sehr vielfältig, es gab viele Arbeitsgruppen, denen man sich anschließen konnte. Ich hatte mich für den Sport interessiert und hab das praktisch schon seit dem 14. Lebensjahr gemacht und zwar Volleyball. Aber was ich völlig vergessen habe,  zu erwähnen, als Kind hatte ich mich sehr für Schach interessiert und hatte auch bei Meisterschaften mitgemacht, war da auch sehr stolz. Und organisiert waren solche Veranstaltungen meistens von der Schule oder den Ausbildungseinrichtungen. So kamen Verbindungen, es entstanden Freundschaften. Man konnte sich austauschen. Es waren ja damals auch sehr viele scharf auf das Briefmarken sammeln. Oder Bilder, wie das damals hieß, Beatgruppen, die Beatles usw., auch wenn da ein Knick oder so war, Hauptsache es war aus dem Westen, das war das Highlight.“

Und wenn du dich mit deinen Freunden getroffen hast, was habt ihr da so gemacht?

„Naja ganz praktisch, wo wir 14 Jahre alt waren bis 16, wo wir in der Armee waren, hatten wir immer einen Treffpunkt gehabt. Da haben wir immer unser Heule genommen, das war damals die Bezeichnung für das Kofferradio. Sind dann runter gelaufen zum Sandkasten, haben uns auf einen Eisen mit Holz gesetzt und da haben wir und getroffen, haben die Musik auf laut gedreht, natürlich nicht DDR oder so, sondern haben Sender aus der Bundesrepublik, dem Westen, die natürlich viel bessere Musik hatten und auch aktueller war.“

Und wenn die großen Sommerferien anstanden, seid ihr da viel weggefahren, an die Ostsee oder bist du mal ins Ausland gefahren?
„Also mit meinen Eltern wo ich noch Schüler war, bis zum 16. Lebensjahr nur innerhalb der DDR, im Ausland waren wir nicht, weil die Plätze sehr gefragt waren und die waren auch unter Hand vergeben, so dass wir keine Chance hatten, aber wir waren viel im Urlaub, es gibt ja auch schöne Orte hier, ob es die Ostsee gewesen ist oder die Seenplatte, Thüringer Wald, Erzgebirge. Da war immer was los gewesen, da haben wir uns aufgehalten. Und ich war selbst damals, eigentlich jedes Jahr in einem Kinderverein Lager oder auch in einer Jugendherberge, 14 Tage oder manchmal auch nur eine Woche und es hat Spaß gemacht.“

Schilder uns deine Lebenssituation kurz vor der Wende, also 10 Jahre davor.
„Also 1979 hatte ich 2  Kinder und ich war als Veterinäringenieur tätig und meine Frau, die war zum großen Teil zu Hause, wegen Krankheit, also konnte auch nicht viel arbeiten gehen und deswegen war ich der Alleinverdiener und es kam auch noch dazu, dass der Beruf nicht allzu gut bezahlt wurde. Uns kam dann zu Gute, dass es in der DDR einen sogenannten zinslosen Ehekredit gab, in Höhe von 5000 Mark. Und wie gesagt, der war zinsfrei, das war schon ein ganz großer Vorteil, aber man musste bis zu einem ganz gewissen Jahr geheiratet haben, das war bis zum 26. Lebensjahr.“

Wie hast du dich so genau über die politische Situation über die DDR informiert und kannst du dich noch über deine Gedanken darüber erinnern, ob du es gut fandest oder nicht?
„Die politische Information der DDR lief eigentlich über Presse, Funk oder das Fernsehen. Und sobald da Berichte kamen oder Produktionserfolge gemeldet wurden, da wurde man dann schon mal manchmal ein bisschen misstrauisch, denn es war ja so: alle Pläne waren da erfüllt, übererfüllt. Aber wenn man etwas kaufen wollte, Waren des täglichen Bedarfs, also Obst und Gemüse, aber auch Dachziegel oder Sonstiges, war es meistens nicht zu bekommen, wodurch dann oft getauscht wurde,  Trabi gegen Fliesen und solche Sachen. Und man hat dann doch manchmal gesagt: traue nur Statistiken die du selber gefälscht hast.“

Hattest du denn auch mal den Wunsch, dieses Eingeschränktsein, nicht so viel machen zu können in der DDR, dass das mal endet, dass die Mauer fallen gelassen wird, hast du das gedacht?
„10 Jahre vorher hatte ich nicht den Eindruck gehabt, dass die Mauer fallen gelassen werden würde. Dazu war auch diese militärische Absicherung da und die Warschauer Vertragsstaaten waren ja auch noch da. Was man ja auch nicht vergessen darf, ist die wirtschaftliche Lage innerhalb der DDR.“

Hattest du auch manchmal den Wunsch, dass die Mauer einfach fällt?
„Ich hatte mich damals mit diesem Problem oder dieser Tatsache nicht beschäftigt weil ich ja nicht wusste, was auf mich zukommen würde, auf mich persönlich. Mich oder auf die Familie. Eine großes Wagnis oder eine große Unsicherheit. Und das durfte ja auch nicht so schnell gehen. Man hatte das ja auch gemerkt, dass auch Bürger, Mitmenschen aus unserer Nähe sehr schnell nach dem Westen gegangen sind und auch einige wieder zurück gekommen sind, weil sie keinen Fuß dort gefasst haben.“

Die Wende. Hattest du jemals gedacht, dass die Mauer fallen könnte oder hattest du auch mal die Befürchtung, dass diese Friedensdemonstration gewaltsam niedergeschlagen hätten können?
„Als die Demonstrationen gezeigt wurden, hatte ich doch schon den Eindruck, dass da große Veränderungen stattfinden werden. Dass diese ganzen Demonstrationen, friedlich ablaufen, hätte ich niemals gedacht. Dass es so gut gekommen ist und da kann man sich heute noch fragen, wie war das möglich, dass alles so friedlich gelaufen ist, dass kein Tropfen Blut gefallen ist, obwohl die Stasi und so noch voll aktiv waren.“

Hattest du selbst mal das Bedürfnis, In der Demonstration mitzumachen oder war dir das dann doch zu heikel?
„Es waren kleine Demonstrationen in Glauchau gewesen. Ein Bedürfnis hatte ich in der Hinsicht nicht, auch mal hinzugehen. Aber ich muss mir eingestehen, ich bin nicht dort gewesen.“

Könnte das Auswirkungen haben, hattest du Angst?
„Angst in der Hinsicht hatte ich jetzt keine gehabt, also keine Angst wegen Verfolgung. Die Familie halt, dacht ich jetzt, kann ich nicht alleine lassen, wie sich die ganze Sache noch entwickelt, dass da doch irgendwas schief geht, ich hatte da mehr das Augenmerk auf meine Familie.“

Kannst du uns kurz den Tag der Wende beschreiben, wie du davon erfahren hast?
„Das wichtigste  Informationsmittel war natürlich das  Fernsehen gewesen und man hat ja in der Hinsicht sehr viel Fernsehen geschaut. Auch mal ARD und ZDF geschaut. Man hat das Radio aufgedreht, Nachbarn getroffen oder telefoniert. Wurde alles zusammengelegt wie so ein Mosaik. Mit den Flüchtlingen usw. dachte man nur: hoffentlich geht alles gut.“

Welche Reaktionen hast du mitbekommen, was hat dein Umfeld gemacht zur Wende, hast du gemerkt, dass so viele losgestürmt sind oder…, also hast du was davon mitbekommen oder hast du dein Umfeld da nicht so wirklich wahr genommen?
„Es blieb an sich eigentlich ruhig, wie gesagt man hatte nur darüber diskutiert. Wie gesagt, ich war ja beim Veterinär im Außenbereich und dann war ich in der Landwirtschaft tätig, hatte meine Dienste dort getan und das war nicht wie in der Fabrik oder im Betrieb. Das war auch ein Unterschied. In der Landwirtschaft musste man das Vieh holen, in der Industrie konnte man auch mal den Schraubstock abstellen oder so. In der Demonstration ging das schwer, dass Viehzeug muss ja versorgt werden. Und das Gefühl hatte man auch in Bezug auf sein Umfeld und seine Familie.“

Hattest du, nachdem die Mauer gefallen war, auch selbst den Drang, dass sozusagen „andere Deutschland“ zu sehen?
„Ja selbstverständlich, es war nicht Hals über Kopf, 3- 4 Wochen später, als wir nach Berlin gefahren sind, da hatten wir unseren Nachbarn angerufen und gefragt, wo wir übernachten könnten. Früher war es ja ein Problem, noch mit dem Trabant, es wollten ja viele nach Berlin. Und am nächsten Tag haben wir unser Begrüßungsgeld abgeholt. Da hatten wir einen längeren Aufenthalt auf der anderen Seite.“

Welche Veränderungen brachte der Fall der Mauer für dein Leben?
„Die größte Veränderung im Berufsleben, war gewesen, das es meine Berufsbezeichnung nach der Wende nicht mehr gab, es gab keine Veterinäringenieure mehr. Es war nur ein Berufsfeld innerhalb der DDR. Und da war nun praktisch die Verunsicherung groß, welche Tätigkeit wirst du jetzt machen und musst du dich darum kümmern oder hilft dir jemand dabei? Aber ich hab ganz schnell gelernt und gesehen, dass du dich drehen musst, dass du nicht auf andere warten kannst, das geht nicht. Und dann hatte damals mein Chef auf dem Landratsamt gemeldet, dass sie Mitarbeiter suchen im Pharmaaußenbereich. Ich interessierte mich nicht ganz dafür, aber ich dann doch auf meine Frau gehört und die sagte: „Hör doch mal zu, was der Herr dir sagen möchte.“ Und ich hab mich dann mit meinem damaligen Chef getroffen und der hatte mir gesagt das sie Pharmareferenten ausbilden wollen und dass die Veterinäringenieur dafür geeignet wären, da sie viele Grundlagen haben und was das Verkaufstechnische betrifft sich dieses doch erlernen ließe. Und so hab ich damals angefangen und habe gesagt ok ich fang an oder ich stelle mich zur Verfügung für ein Aufnahmegespräch mit dem großen Geschäftsführer und hoffte dann, dass ich unter den Bewerbern den Posten bekomme. Am 24.09.1990 fuhr ich dann von Glauchau Richtung Krefeld (Nähe Düsseldorf), das war damals noch DDR und kam erst Ende Oktober wieder zurück. Man muss schon zwischen den Zeilen lesen, denn ich kam so gesehen nie wieder in die DDR zurück, denn zu diesem Zeitpunkt gab es dann schon die BRD, die DDR war aufgelöst.“

Und hast du dann diesen Ausbildungsplatz bekommen?
„Ja, mich hat man freudestrahlend eingestellt, das war eigentlich kein Problem mehr dann dort oben anzufangen. Ich hatte drei Wochen in Kempten die Ausbildung gehabt und das war ganz interessant, aber auch sehr sehr anstrengend, da ich ja die vielen Arzneimittel auswendig lernen musste, die Produktbezeichnungen und Zusammensetzungen etc. Und eines Tages kam mein Chef rein, wo ich beim Produktmanager war und hat gesagt er brauche den Herr Kießlig ganz dringend für den Personalchef. Dann habe ich das Zimmer verlassen und er sagte zu mir: „So wir setzen uns jetzt ins Auto und fahren in den Elektromarkt, da können sich mal schauen welchen Fotoapparat sie sich kaufen wollen. Sie haben mir ja gesagt das sie gerne einen neuen Fotoapparat hätten.“ In diesem Supermarkt, diesem großen Elektrofachmarkt hat es mich fast erschlagen. Dort gab es so viel. Ich habe mir dann von meinem ersten verdienten Westgeld eine Minolta gekauft.“

Unterm Strich, hat dir die Wende mehr Vor- oder Nachteile gebracht?
„Mir hat die Wende sehr viele Vorteile gebracht, ich muss sagen ich war ja auch in einer glücklichen Lage. Ich war nie arbeitslos, ich hab seit dem 24.09.1990 bis zu meiner Rente in dieser Firma gearbeitet und hab das auch nie bereut. Ich muss auch sagen mir hat das nur Vorteile gebracht und ich habe gelernt und ich versuche auch immer es meinen Kindern bzw. meinen Enkelkindern beizubringen zu sagen das man in der heutigen Zeit sich um alles selber kümmern muss und nicht auf andere warten soll. Ich bin auch froh, dass es in der Hinsicht so gekommen ist.“