Das Jahr 1990 – Der Weg in die deutsche Einheit

Zeitzeugin: Hedi Seidel
Alter zur Zeitpunkt der Wende:
42 Jahre
Interviewerin:
Celine Thielemann / BSZ Lichtenstein

Interview:

Ich habe ein paar Fragen über die Zeit um das Jahr 1990 und wüsste gern etwas über ihre Erinnerungen und Empfindungen um diese Zeit. Mit dem Mauerfall kamen ja viele neue Möglichkeiten aber auch Veränderungen. Wie haben Sie davon erfahren und wie haben Sie sich gefühlt? Was haben Sie erlebt und beobachtet wo Sie das erste Mal nach der Grenzöffnung in den Westen sind?
Das erste Mal über die Grenze in den Westen, das weiß ich noch ganz genau, das war im November 1989. Die Freude über die Grenzöffnung war bei uns auf Arbeit riesig! Wir haben davon das erste Mal über Radio und Fernsehen erfahren und waren erstmals irritiert aber zugleich sehr erfreut. Das erste Mal in den Westen gefahren bin ich mit meiner jüngeren Schwester und ihrem Mann. Es war am Montag den 04.12.1998. Ich habe meinen Chef am Sonntag angerufen und mitgeteilt ich käme am Montag nicht auf Arbeit und er hatte Verständnis. Wir sind also am Montag von Gera (wo meine Schwester gewohnt hatte) nach Bayreuth in den Westen gefahren. Wir haben uns extra für Bayreuth entschieden, da wir wegen den befürchteten Massen in Hof nicht hin wollten. Als wir dann in Bayreuth waren haben wir wie jeder DDR-Bürger 100 D-Mark Begrüßungsgeld erhalten. Und anschließend sind wir zum Einkaufen in die Stadt gefahren. Diesen Gedanken hatten wahrscheinlich noch viele weitere Menschen als wir, denn die Stadt war so überfüllt! Das habe ich mir so echt nicht vorgestellt.
Wir sind nach Bayreuth mit dem Auto gefahren, sind aber dort auf Busse umgestiegen, wie jeder aus dem Osten. Wir kannten uns ja gar nicht aus.
Nun sind wir also direkt mit dem Bus zur extra neu eröffneten Sparkasse gefahren worden und haben sofort unser Geld erhalten. Von diesem Geld habe ich einen Walkman und eine Kassette von „David Hasselhoff – Looking for freedom“ für meine jüngere Tochter und für mich ein Eisbecher-Set gekauft. Wir waren den ganzen Tag in dieser Einkaufsstraße und sind von einem zu anderen Laden gelaufen. Die hatten da Sachen die es so hier nicht gab oder an die man nur schwer heran kam. Am selben Tag sind wir aber wieder zurück gefahren und am nächsten Tag wieder ganz normal auf Arbeit.

Sie sagten „ganz normal auf Arbeit“, hat sich in ihrem Beruf in dem sie Tätig waren nichts verändert mit dem Mauerfall?
Also im November 1988 war ich in der Zwickauer Schulspeisung angestellt und eine Zeit lang lief alles noch wie bisher. Doch dann im Januar 1990 kamen westdeutsche Vertreter und sie hatten eine große Veränderung mit sich gebracht. Das vorher in der gesamten DDR verbreitete Kübelessen in Schulen, Kindergärten und in allen Kantinen wurde gegen die Erfindung des Westens ausgetauscht, die Assietten-Essens-Produktion wurde von einen auf den anderen Tag eingeführt. Dies war eine große Veränderung für alle! Außerdem war das Bestellsystem sehr schwierig. Die einzeln verpackten Assietten machten das Essen pro Portion teurer. Dadurch wurde weniger bestellt. Hauptsächlich in Kindergärten wurde das Kübelessen beibehalten.
Durch die geringere Zahl an Bestellungen wurde ich im Juni 1991 entlassen und bekam für einen Monat noch Übergangsgeld. Doch ich war kein Einzelschicksal, die gesamte Bekleidungsindustrie in Zwickau ist zusammen gebrochen, weil neue Kleidung aus dem Westen einfach so zu uns in den ehemaligen Osten kam, obwohl wir genug hatten. Doch die „Ostkleidung“ wurde mit der Zeit nicht mehr so nachgefragt, da ihre Herstellungskosten höher waren als die aus dem „Westen“. Eine weitere Veränderung oder Erneuerung waren die neu gegründeten Gewerkschaften, zum Beispiel die Verdi. In diese Gewerkschaften konnte man dann eintreten. Ich persönlich fand das aber nicht so gut zu dieser Zeit gegen den Chef zu arbeiten und habe es gelassen – obwohl ich es an sich sinnvoll finde. Nach meiner Kündigung begann ich im Juli 1991 ein Jahr lang einen Lehrgang als Umweltberater in Zwickau bei der DPFA (Deutsche Private Finanzakademie) zu besuchen. Und auch hier merkte man einige Veränderungen. Die Lehrer lehrten nun andere Lehrpläne in Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft im Systemstil der BRD. Außerdem bekamen wir neue Lehrer aus dem Westen zu uns.

Welche Veränderungen gab es unter anderem noch? Zum Beispiel in Geldangelegenheiten, Versicherungen oder bei der Krankenkasse?
Ab dem 01.07.1990 konnten wir unser Geld in die West-Mark umtauschen. An den genauen Kurs kann ich mich allerdings nicht mehr erinnern. Des weiteren begannen sich verschiedene Krankenkassen zu bilden, für welche man sich dann untereinander entscheiden konnte. Die bisherige einzige Versicherung, die Allianz, bekam durch neu gebildete Versicherungen Konkurrenz und auch hier konnte man sich eine auswählen.

Gab es außerdem weitere Veränderungen in den Freizeitmöglichkeiten, Musik oder der Mode?
Ja, zum einen bekamen wir mehr Fernsehprogramme und Westfernsehen. Um 1992 war die „Neue deutsche Welle“ sehr populär und auch Schlager waren sehr beliebt. Allerdings habe ich das nie groß gehört, ich war immer ein großer Fan der Beatles.
Im Bereich Mode kann ich nicht so viel sagen, da ich mir modische Wünsche immer selbst genäht habe, für mich und meine zwei Töchter. Ich hatte keine große Modeerfahrung aus dem Westen. Meinen Stoff bekam ich meistens aus dem Bekleidungswerk wo ich auch eine Zeit lang als Schneiderin gearbeitet hatte, aber erst später. Aber ich kann behaupten wir waren immer modisch angepasst unterwegs. Ich fand, das wir aus dem „Osten“ im Bereich Taschen einen großen Vorsprung gegenüber dem „Westen“ hatten, die Taschen die es da zu kaufen gab fand ich nie schön. Einmal bin ich allein mit dem Zug, im November 1990, nach Nürnberg gefahren um mir da eine Lederjacke zu kaufen, fand da aber keine passende. Gekauft habe ich mir aber eine andere Jacke, eine Bluse und außerdem eine hochwertige Kette.

Wie war es in der Zeit mit der Familie und Verwandtschaft?
In früherer Zeit, wo auch ich noch jünger war, hatten wir keinen Westkontakt, da mein Vater in der Partei war. Zumindest glaube ich das wir den Kontakt komplett abgebrochen haben wo die Mauer noch stand. Wir haben bisher keinen Kontakt mehr. Von meinem Mann habe ich mich getrennt und habe mit meinen zwei Töchtern allein in Zwickau/Planitz gelebt. Zu meiner Mutter hatte ich immer einen guten Kontakt und habe sie jedes Wochenende zum Kaffeetrinken besucht bevor sie nach Gera gezogen ist. Meine jüngere Tochter besuchte von September 1986 bis Dezember 1988 das Sportinternat in Chemnitz, meine ältere Tochter wohnte zu dieser Zeit schon in Jena für ihr Studium als Diplomchemiker. Zu dieser Zeit lebte ich größtenteils allein. Meine jüngere Tochter kam dann mit 11 Jahren wieder und machte hier in Zwickau ihren Schulabschluss. In dieser Zeit konnten wir leider nie groß verreisen, da es aus finanziellen Gründen nicht möglich war.

Gab es sonst noch irgendwelche einschließenden Ereignisse in dieser Zeit an die Sie sich noch gut erinnern können?
Ja die gibt es, zum einen hat meine ältere Tochter 1990 ihren Mann geheiratet. Meine jüngere Tochter hatte zu dieser Zeit ihre Jugendweihe in Zwickau gehabt.

Gab es denn auch negative Ereignisse an die Sie sich noch erinnern können zu dieser Zeit?
Ja, auch diese gab es leider. Da ich mir mit meinem damaligen Mann ein Haus gekauft hatte und wir uns später scheiden lassen haben, hatte ich ein Zweifamilienhaus mit 3000 qm Grundstück um welches ich mich nach der Scheidung allein kümmern musste. Ich habe es im Mai 1989, laut Schätzer, für 32.000 Ostmark verkauft. Dies entsprach exakt dem Restwert des, für das Haus, aufgenommenen Kredites. Ich habe also keinen Gewinn daraus gezogen. Aber zu dieser Zeit war ich nur froh, dass es verkauft ist, da ich viel Stress hatte. Hätte ich beispielsweise das Haus ein Jahr später verkauft wäre es schätzungsweise 500.000 DM wert gewesen. Es war aber zu dieser Zeit bekannt, dass Landbesitz in der DDR nichts wert war! Keiner hatte Interesse an einem Eigen- oder Mehrfamilienhaus. Eine weitere Sache was mich ein wenig traurig gemacht hat war die Sache, das die Kinderferienlager weggefallen sind in dem Maß wie die Betreibe eingegangen sind. Nur die Betriebe, die geblieben sind konnten Ferienlager durchführen und das wurden immer weniger.

Welches Fazit würden Sie aus den vergangenen Jahren ziehen?
Auch wenn es rückblickend auf den Mauerfall und das Jahr 1990 nicht nur gute Dinge mit sich gebracht hat, muss ich sagen, dass ich jetzt mit 67 Jahren sehr zufrieden mit meinem Leben bin. Ich habe bis jetzt viele Niederlagen einstecken müssen, aber habe nie aufgegeben. Ich könnte mir ein getrenntes Deutschland heutzutage gar nicht mehr richtig vorstellen und wünsche es mir auch nicht mehr.