Ausbildung, Jugend und Schule vor und nach der Wiedervereinigung

Zeitzeugin: Frau C. Jurich
Alter zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung: 17 Jahre
Interviewerin: Marie Jurich, BSZ Lichtenstein

Frau J., Sie waren damals 17 Jahre alt. In welchem Lebensabschnitt haben Sie sich in der Zeit befunden?
Ich befand mich mitten in dem 3-jährigen Fachschulstudium zur Krankenschwester. Was heut auch nicht mehr üblich ist. Damals musste man noch studieren, heute reicht eine Ausbildung.

Wo haben Sie diese abgeschlossen?
In der medizinischen Fachschule im Heinrich-Braun-Klinikum in Zwickau.

Gab es Unterschiede zum Schulalltag vor dem Mauerfall und nach dem Mauerfall?
Auf alle Fälle. Die Fächer waren ab da anders. Russisch hatte man nur noch als Testat. Früher musste man darin eine Prüfung ablegen. Nach dem Mauerfall stand im Zeugnis nur noch, dass man daran teilgenommen hat. Politischer Unterricht wurde komplett abgeschafft. Wir mussten uns für diesen Unterricht alle Bücher schon für die drei Jahre kaufen. Nach dem Mauerfall waren diese nicht mehr nötig und man blieb auf den Büchern sitzen. Außerdem musste man am Anfang der Ausbildung einen Vertrag unterschreiben, in dem man zusagte, dass man nach erfolgreicher Beendigung der Ausbildung  drei Jahre noch in diesem Beruf am HBK arbeitet. Dies war nach dem Mauerfall nicht mehr so und manche suchten händeringend nach einer Arbeitsstelle.

Wie empfanden Sie Ihre Schulzeit in der DDR, wenn Sie an die Zeit zurück denken?
Meine Schulzeit war schön. Wir waren von der 1. bis zur 10. Klasse in ein und derselben Klasse, nicht so wie heute. Danach gingen die einen studieren und die anderen machten ihre Ausbildung. Durch die Pioniere und die FDJ, denen ich angehörte, waren die Nachmittage und andere Veranstaltungen gut geplant. Der Zusammenhalt war dadurch ganz anders und viel fester, da man sich nicht nur in der Schule, sondern auch an Nachmittagen traf und etwas unternommen hat.

Was waren Ihre Freizeitbeschäftigungen?
Ich ging in den Gitarrenunterricht, habe viel gelesen, mich mit Freunden getroffen und war in der Sport-AG beim Kegeln. Natürlich hat man auch die einen oder anderen Flausen im Kopf gehabt, wie die Jungs ärgern. Also eine normale Kindheit und Jugend.

Denken Sie heute, dass Sie eine schöne Jugend und Kindheit in der DDR hatten oder hätten Sie gern etwas mehr machen dürfen?
Wir haben es doch nicht anders gekannt. Wir haben alles machen dürfen, was wir kannten. Sind mit dem Bus in die Stadt einkaufen gefahren, haben das Moped fahren gelernt, damals noch für viel weniger Geld als heute. Damit haben wir dann auch später schöne Ausfahrten gemacht. Wir sind in das Kino gegangen und auch in die Disco, welche damals nur 2 DDR Mark gekostet hat. Heute wäre dies unvorstellbar. Darin kamen auch nur 20% West-Musik und der Rest war unsere „Ossi-Musik“. Bei meinen Eltern haben Leute im Haus gewohnt, dessen Tochter im Westen gelebt hat. Diese hat immer sehr gut gerochen, wenn sie bei uns war. Aber wie gesagt, wir haben es nicht anders gekannt.

Wie erlebte Ihre Familie die Regierung der DDR?
Ich war damals noch Kind und habe nicht viel von den Problemen mitbekommen. Meine Eltern haben immer versucht uns alles zu ermöglichen. Erst später, als ich älter wurde und ich mehr verstand, habe ich gemerkt, wie unzufrieden meine Eltern mit der Situation waren. Doch wir hatten alles, wir fuhren jedes Jahr in den Urlaub, meine Eltern hatten Arbeit, meine Schwester eine Ausbildung. Natürlich haben sie sich dann mehr gefreut, als sie weiter weg in den Urlaub fahren durften.  Doch sie sind immer wieder zurück gekommen und hatten nie den Gedanken daran verschwendet, drüben zu bleiben. Bei uns durfte ja nicht nur ein Elternteil reisen, sondern beide zusammen.

Haben Sie etwas in der DDR von der BRD mitbekommen?
Ja, durch Funk und Fernsehen, obwohl wir es nicht durften und durch Bekannte. Manchmal haben wir Kataloge aus dem Westen von Verwandten bekommen. Danach haben wir uns die Finger geleckt, einfach nur, um die Bilder anzuschauen. Und natürlich haben wir Mädchen auch versucht die Mode aus dem Westen nach zu schneidern und zu nähen. Dabei haben wir uns auch aus NIVEA-Cremedosen Ohrringe selbst gebastelt.

Würden Sie sich aus der heutigen Sicht die Regierung wieder wünschen?
Nein, weil Menschen manipuliert wurden und wir ständig überwacht wurden. Doch das haben wir leider alles erst später erfahren. Nun hat man ja die Chance zu erfahren, ob man eine Stasiakte hat. Doch mein Vater und meine Mutter wollten dies nicht. Ich denke, viele Freundschaften wären dadurch zerbrochen. Weil meist waren es Menschen, von denen wir sowas nie gedacht hätten. Auch die Armee war furchtbar. Normalerweise musste man 18 Monate seinen Wehrdienst abhalten. Doch wenn etwas geschehen ist, wurde man wieder eingezogen. Dies war bei meinem Vater und meinem Schwager so. Er war gerade Vater einer Tochter geworden und musste wieder zum Dienst, ein viertel Jahr lang, in der Zeit sah er einmal seine Tochter. Danach sind beide in die Kampfgruppe. Damit konnten sie nicht mehr eingezogen werden. Doch wäre ein Krieg ausgebrochen, hätten sie mit antreten müssen. Zum Glück ist dies jedoch nicht passiert. Wären zwei Leute nur durchgedreht, hätte das alles ganz anders ablaufen können.

Hatten Sie eine einprägende Begegnung mit der Stasi?
Ja, meine Mutter und mein Vater hatten Freunde in Glauchau. Diese erzählten ihnen, dass sie nach Westberlin auswandern wollten. Sie hatten schon begonnen Ihr Haus auszuräumen und zu verkaufen. Teile, die sie behalten wollten, lagerten sie bei meinen Eltern in einer kleinen Kammer ein. Der Ausreiseantrag wurde gestellt, dann dauerte es eine Weile und die Regierung rief an und ab da hatte man 24 Stunden Zeit das Land zu verlassen. Da sie schon alles vorbereitet hatten, ging bei ihnen alles ganz schnell. Mein Vater ist schon nicht mit auf den Bahnhof gegangen, um sie zu verabschieden, weil auch da sicherlich jemand sie beobachtet hätte und das war ihm zu heikel. Als sie dort angekommen waren, schickten sie eine Spedition von Hannover zu uns nach Mülsen. Da war etwas los, so ein riesiger LKW bei uns in unserem kleinen Dorf. Ich werde das nie vergessen, es war so ein heißer Tag und der LKW passte nicht bei uns in die Einfahrt, da musste mein Vater noch einen Bagger holen. Natürlich waren auch zwei Männer vom Zoll da. Und die mussten in ihrer warmen, dicken Uniform stehen und alles genau dokumentieren, jeden noch so kleinen Nagel, der mitgenommen wurde. Meine Mutter hat ihnen öfter etwas zu essen und zu trinken angeboten, doch sie haben gar nichts genommen. Die Arbeiter von der Spedition haben sich nach getaner Arbeit in unserem Brunnen geduscht und gegessen und wir hatten so einen Spaß zusammen und die Männer vom Zoll haben sich keinen Zentimeter bewegt.

Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?
Zuhause mit der Familie.

Was war Ihr erster Gedanke, nachdem Sie dies gehört haben?
Das darf nicht wahr sein.

Wann waren Sie das erste Mal auf der West-Seite und was hat sich bei Ihnen sofort eingeprägt?
Im November 1989 war ich das erste Mal im Westen, direkt nach dem Mauerfall mit meinem Freund und deinem späteren Vater. Mein Vater hat uns damals noch mit dem LKW bis an den Bahnhof gefahren. Ich denke am meisten hat sich der Konsum eingeprägt, die Supermärkte und die Massen. Hätte Dein Vater mich nicht festgehalten, wäre ich von einem Zug überrollt wurden, da hinter mir ein totales Gedränge war. Auch das Angebot war überwältigend. Das Obst und Gemüse, die Anziehsachen. Wofür man sich nun mit 17 interessiert. Der Geruch war auch sehr einprägend. Überall hat es gut gerochen und die Häuser waren im Gegensatz zu unseren viel heller.

Haben Sie einen Moment gehabt, in dem Sie überlegt haben, im Westen zu bleiben?
Ja, aber erst später, als wir bei Verwandten waren. Diese haben es uns angeboten. Ich hätte definitiv Arbeit gefunden und dein Vater auch. Doch wir sind heimattreu, außerdem leben unsere Eltern hier und wir hatten bereits das Haus gekauft.

Treffen Sie heute noch auf Konfrontationen mit der DDR?
Nein, eigentlich nicht.

Vielen Dank Frau J, dass ich Sie befragen durfte.