Arbeit in der Armee vor und nach der Wiedervereinigung

Zeitzeuge: Anonym
Interviewer:
Schülerinnen & Schüler des BSZ Lichtenstein

Interview:

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für die Befragung genommen haben. Zu Beginn würde uns interessieren, was Sie zur Zeit der Wiedervereinigung, eventuell auch kurz vorher, gemacht haben und wie Ihr Leben damals verlief.
Im Mai 1983 bin ich der Armee beigetreten, wo ich 3 Jahre bei den Luftstreitkräften am Flugplatz war. Meine Freundin, jetzt Frau, machte im Krankenhaus in Zwickau eine Ausbildung zur Krankenschwester. Alle 6-8 Wochen konnte ich einmal nach Hause zurück. Wir hatten damals kein Handy und kein Telefon zur Verfügung stehen, konnten also nur Briefe schreiben um den Kontakt mit anderen aufzunehmen. Die Kaserne war nur mit einem Zug, der S-Bahn oder mit dem Transport-LKW erreichbar. Einen PKW hatte ich nicht. Auf den hätte ich 10 Jahre warten müssen und das Geld war aber auch nicht in großen Mengen da. Kurz vor dem Ende der Armeezeit kam mir dann wieder der Gedanke mit dem Studium, aber gleichzeitig auch erste Zweifel. Meine Freunde und Verwandtschaft merkte das und wir führten lange Gespräche über meinen weiteren Weg. Mein Schwiegervater, der zu DDR-Zeiten Polizist war, schlug mir dann vor, dass ich doch auch zur Polizei gehen könnte. Daraufhin bin ich dann zur Polizei gegangen.

Wie hat Sie diese Zeit beeinflusst?
In der Zeit bei der Armee bin ich zum Mann gereift und habe viel Verantwortung übernommen. Trotzdem werde ich die Zeit nicht vermissen.

Wie ging es dann in Ihrer Ausbildung weiter, was waren Ihre Vorstellungen?
Dort war ich dann seit dem Mai 1986. Mein Ziel war das Fachschulstudium bei der Polizei für eine höhere Laufbahn. Ich hatte viele interessante Dinge in der DDR mitbekommen. 1988 war ich fertig mit den Vorbereitungen für das Studium in Aschersleben. Ich wollte dort Offizier der deutschen Volkspolizei werden. Wir wurden zur Wache eingeteilt und mussten die Schule besuchen.

Wie erlebten Sie die DDR damals?
Wir haben mitbekommen, dass in der DDR nicht alles schön war. Ich persönlich hatte bis dahin keine negativen Erfahrungen gemacht und auch nichts vermisst.

Gab es während Ihrer Ausbildung Situationen und Erlebnisse, die Sie prägten?
Während der Schulzeit bei der Polizei wurde ich am 40. Jahrestag der DDR nach Berlin geschickt. 1989 habe ich bei den Absperrmaßnahmen am Roten Rathaus mitgemacht und alles hautnah miterlebt. Mein Streifebereich dort war am Marx-Engels Denkmal. Der Einsatz dort ging bis in den Morgen hinein. Wir sind dann wieder mit den LKWs zurück zur Schule gefahren und hatten dort aber nur kurz Zeit um die Wäsche zu wechseln, weil es dann sofort weiter nach Leipzig zur Montagsdemo ging. Die gesamte Klasse mit ca. 20 Schülern saß stundenlang auf dem LKW am Leipziger Ring. Über Stunden haben wir nur die Geräusche von außen mitbekommen, worüber wir uns natürlich Gedanken machten. Es kamen bei uns viele Zweifel über die Richtigkeit der Berufswahl auf. Nach der Montagsdemo ging es dann zurück in die Kaserne nach Aschersleben für ca. 6 Wochen. Nachrichten habe ich nur von den DDR-Medien erhalten. Diese Eindrücke haben mich sehr geprägt.

Wie erfuhren Sie vom Mauerfall und was waren Ihre Gedanken dabei?
Von dem Mauerfall hatte ich durch die aktuelle Kamerarede von Herr Schabowsky erfahren. Ich denke, dass niemand die wirkliche Tragweite der Rede erfassen und begreifen konnte.

Wie äußerte sich diese Tragweite für Sie persönlich? Veränderte das etwas für Sie und wenn ja, was?
Bis dahin mussten wir alle Gesetze und Gesetzeslagen der DDR lernen und von heute auf morgen sollten wir dann die Gesetze der BRD erlernen und durchsetzen.
1990 habe ich das Studium erfolgreich absolviert und wurde ins Polizeirevier Glauchau versetzt. Meine erste Aufgabe dort war es die Kampfgruppe, die sich Arbeiter und Bauernmacht nannte, abzuwickeln, die Waffen einzusammeln und sie zu einem zentralen Punkt zu bringen. Ich habe miterlebt, wie eine komplett neue Personalstruktur in der neuen Polizei der BRD aufgebaut wurde.

Wie verlief Ihr Leben danach und was änderte sich noch im Berufsalltag?
Einige Jahre war ich dort in Glauchau, aber jetzt bin ich seit ungefähr 15 Jahren in Zwickau. Die Auftragslage der Polizei hat sich gegenüber der DDR gewaltig geändert. Es gibt viel neue Technik und ich habe neue Aufgabengebiete übernommen, z.B. in Zwickau ein Team von 11 Kollegen zu führen. Das erfordert große Verantwortung.

Welche Veränderungen sehen Sie im privaten Bereich und wie schätzen Sie diese ein?
Bei mir und meiner Familie hat sich vieles zum Positiven entwickelt. Meine Kinder können verschiedene Länder bereisen, die schulische Ausbildung besser genießen, studieren wann und wo sie möchten und haben bessere Entwicklungsmöglichkeiten als zu meiner Zeit.